Kapital, das

Was meint Bourdieu mit dem Begriff 'Kapital'?

Veröffentlicht am
13.10.23

Studierende

Hier klicken um den Beitrag runterzuladen

1. Definition

Das Kapital-Konzept ist neben der Habitus- und die Feldtheorie Bourdieus dritter konzeptueller Beitrag zu einer sozialwissenschaftlich fundierten Handlungstheorie, mit der Bourdieu beansprucht, regelmäßiges und homogenes Handeln von sozialen Akteuren zu erläutern. Kapital ist für Pierre Bourdieu Karl Marx folgend akkumulierte Arbeit, entweder in materiell objektivierter oder in inkorporierter Form. Bourdieu bezeichnet es auch als „gesellschaftliche Ressource[]“. Dem ökonomischen Kapital fügt er noch kulturelles und soziales Kapital hinzu. Bourdieu versteht Kapital allgemein sowohl als eine „vis insita“, also „eine Kraft, die [sowohl] den objektiven, als auch subjektiven Strukturen innewohnt“ (Bourdieu 2015: 49), und als eine „lex insita“, das heißt ein „grundlegendes Prinzip der inneren Regelmäßigkeiten der sozialen Welt“ (ebd.).

2. Ursprünge

Der Kapitalbegriff nach Bourdieu ist eine konzeptuelle Erweiterung des ökonomischen Kapitals nach Karl Marx (vgl. Rehbein/Saalmann 2014: 134). Marx interessiert sich grob vereinfacht für das, was Bourdieu ökonomisches Kapital nennt, nämlich finanzielle Ressourcen, die sich in Eigentum überführen lassen. Bourdieu erweitert diesen engen Begriff um soziales und kulturelles Kapital, das sich jeweils ebenfalls angeeignet werden muss und verknüpft die drei Kapitalarten miteinander.

3. Erläuterung

Der Erwerb von Kapital erfordert Zeit, die Ressource ist, wie bereits erwähnt, das Produkt von akkumulierter Arbeit (vgl. Bourdieu 2015; Rehbein/Saalmann 2014). Es kann in drei grundlegenden Arten auftreten.

3.1 Ökonomisches Kapital

Das ökonomische Kapital beschreibt das materielle Eigentum, das man besitzt, zum Beispiel Geld oder Sachgegenstände wie ein Haus oder ein Auto.

3.2 Kulturelles Kapital

Das kulturelle Kapital kann in drei Formen unterschieden werden.

3.2.1 Inkorporiertes Kulturkapital

Unter inkorporiertem Kulturkapital (vgl. Bourdieu 2015: 55ff.) versteht man angeeignetes Wissen und Kompetenzen, also Bildung. Es ist damit körpergebunden. Voraussetzung dafür ist ein Lernprozess, es muss also Zeit aufgewendet werden, um sich das Kapital anzueignen und kann nicht durch eine fremde Person vollzogen werden. Inkorporiertes Kapital wird damit zum Bestandteil des Habitus einer Person. Inkorporiertes Kapital kann nicht weitergegeben werden. Als Trumpf in der Gesellschaft ermöglicht inkorporiertes kulturelles Kapital materielle und symbolische Profite.

3.2.2 Objektiviertes Kulturkapital

Beim objektivierten Kulturkapital (vgl. Bourdieu 2015: 59ff.) handelt es sich um materielle Güter, die kulturelles Kapital übertragbar machen, allerdings nur im Sinne des materiellen Trägers als Eigentum, nicht hinsichtlich der Aneignung. Ein Beispiel für objektiviertes Kulturkapital wären Bücher oder Gemälde. Um diese allerdings auch verstehen oder nutzen zu können, brauchen Menschen ein gewisses inkorporiertes Kulturkapital.

3.2.3 Institutionalisiertes Kulturkapital

Schließlich behandelt Bourdieu noch das institutionalisierte Kulturkapital (vgl. Bourdieu 2015: 61ff.). Darunter fallen insbesondere schulische Abschlüsse: „Der schulische Titel ist ein Zeugnis für kulturelle Kompetenz, das seinem Inhaber einen dauerhaften und rechtlich garantierten konventionellen Wert überträgt“ (ebd.: 61). Ein Titel kann mit gewissen Geldwerten auf dem Arbeitsmarkt verbunden sein.

3.3 Soziales Kapital

Das Sozialkapital (vgl. Bourdieu 2015: 63ff.) oder auch soziales Kapital ist der Profit, der aus sozialen Netzwerken entsteht. Es ist vergleichbar mit dem, was „Vitamin B“ genannt wird. Der Profit ist nicht nur abhängig von der Anzahl der Kontakte, sondern auch von deren anerkanntem Wert (ökonomisch, kulturell). Das soziale Kapital verknüpft materielle und symbolische Dimensionen. Ein hohes Sozialkapital selbst erfordert aber auch ein hohes Maß an Arbeit, Zeit und Geld, denn die Aufrechterhaltung, gar die Vergrößerung des Netzwerks muss über Riten vollzogen werden, zu denen beispielsweise kleine Geschenke zählen. Das soziale Kapital steht in Verbindung mit dem ökonomischen Kapital. Zuletzt macht Bourdieu darauf aufmerksam, dass Teil eines Beziehungsnetzwerks zu sein bedeutet, Delegierter dieser Gruppe zu sein.

3.4 Kapitalumwandlung

Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass sich die skizzierten Kapitalarten in die jeweils anderen umwandeln lassen. Man spricht dabei von Kapitalumwandlung. Mit ökonomischem Kapital lassen sich beispielsweise die anderen Kapitalarten erwerben, dies erfordert jedoch einen gewissen Aufwand beim Umwandeln, meistens in Form von Zeit. Dies lässt sich anhand des Beispiels des Sprachkurses illustrieren: Als Teilnehmer erwirbt man gegen einen finanziellen Aufwand neues Wissen. Man wandelt also ökonomisches Kapital in kulturelles Kapital um. Über das mobilisierte Beziehungsnetzwerk lässt sich beispielsweise eine neue Stelle finden, die mit einem höheren Lohn verbunden ist. Soziales Kapital lässt sich auch in ökonomisches Kapital umwandeln.

4. Kritik

Bourdieu wird dafür kritisiert, dass er die wirtschaftswissenschaftliche Konzeption von Kapital auf alle Dimensionen des sozialen Lebens übertragen habe. Außerdem wird kritisiert, dass sich die Kapitalarten nur schwierig hinsichtlich der Prozesse von Akkumulation und Verausgabung sowie der Wirksamkeit in der Wirklichkeit vergleichen lassen (vgl. Rehbein/Saalmann 2014: 139).

Literatur:

Bourdieu, Pierre (2015): „Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital – Soziales Kapital“, in: Margareta Steinrücke (Hrsg.): Pierre Bourdieu. Die verborgenen Mechanismen der Macht. Hamburg: VSA, S. 49-79.

Rehbein, Boike / Saalmann, Gernot (2014): „Kapital“, in: Gerhard Fröhlich/Boike Rehbein (Hrsg.): Bourdieu-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: J.B. Metzler, S. 134-140.

Dies ist ein Beitrag von Zoé Franzen und Niklas Laudwein.

Hier Bilder zum Beitrag

No items found.

Weitere interessante Beiträge

Chansons Populaires

Des chansons françaises comme, par exemple, « Non, je ne regrette rien » d’Edith Piaf ou « Les Champs-Elysées » de Joe Dassin sont connues bien au-delà des frontières françaises : La popularité mondiale des chansons françaises – appartenant sans doute au patrimoine culturel de la France – montre qu’elles sont bien plus qu’un simple divertissement ! Dans le cadre de notre séminaire, nous sommes partis en quête de l’histoire et des caractéristiques des chansons françaises. Nous sommes également intéressés aux développement de ce genre jusqu’à nos jours tel qu’est est perceptive dans le rap et la musique électronique francophones.

Studierende

Paris! – Mythos einer Stadt

Lesen Sie hier den Exkursionsbericht von Louisa Ewen und Kerstin Woll. Die Fotos steuerte Chiara Schmitt bei.

Studierende