Wenn das Flugzeug zweimal landet

Hervé Le Telliers preisgekrönter Roman "L'anomalie" jongliert souverän mit allerhand Versatzstücken aus der US-amerikanischen Popkultur

Veröffentlicht am
19.11.2021
Christoph Mayer

Christoph Mayer

TU Dresden
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Als Teil der literarischen Gruppe „Oulipo“ (Abkürzung für „Ouvroir de littérature potentielle“) war der 1957 geborene Hervé Le Tellier in den letzten dreißig Jahren mit unterschiedlichsten literarischen Texten in der Öffentlichkeit bekannt geworden. Zumeist setzte er kongenial das für Oulipo typische Prinzip der Täuschung und die Methode der Verstörung um, die durch den Kniff eines bestimmten, nicht unbedingt für die Leserschaft immer transparenten literarischen Zwangs („contrainte“) entsteht. 2013 gewann er den Grand Prix de l’humour noir Xavier-Forneret für einen angeblich aus dem Portugiesischen übersetzten Gedichtband mit dem Titel Contes liquides. Dessen Ursprungsautor Montestrela war jedoch eine Erfindung von Le Tellier, der sich zudem einen Namen gemacht hatte als Internet-Kolumnist von Le Monde und Mitwirkender an zahlreichen Satire-Zeitschriften.

Wenig verwunderlich also, dass auch der neueste Roman von Le Tellier, dem im Jahr der Veröffentlichung 2020 dafür der bedeutende Literaturpreis Prix Goncourt verliehen wurde, als ein Produkt der Oulipo gedeutet wurde. Erst recht, da die drei Teile des Romans mit Gedichtzeilen von Raymond Queneau, dem wohl international bekanntesten Vertreter der Oulipo-Gruppe, überschrieben wurden. Das Leitmotiv ist in der Tat eine der medialen Öffentlichkeit nicht unbekannte mathematische Theorie von Nick Bostrom, nach der das menschliche Leben nur eine Simulation darstellt. Die Simulationstheorie bietet in dem Roman den Rahmen für eine spannungsgeladene, tragikomische Doppelgängergeschichte. Die Doppelgänger entstehen dadurch, dass ein vollbesetztes Flugzeug, eine Boeing 787, gleich zweimal, im Abstand von drei Monaten in New York landet: Der schon im März 2021 von Paris aus kommende Flieger gerät in einen elektromagnetischen Wirbelsturm  und landet schließlich nach heftigen Turbulenzen in New York. Im Juni desselben Jahres taucht er just mit der identischen Besatzung und denselben Fluggästen erneut im Landeanflug auf den Kennedy-Airport auf. Der Roman folgt dem Schicksal der Betroffenen und ihrer Alter Egos, die bereits drei Monate weitergelebt haben. Ihre Lebenswege, schicksalhaft gesponnen, haben sie in verschiedene Richtungen geführt: glückliche und unglückliche Lieben, berufliche Erfolge und private Tragödien, geschriebene Bücher und komponierte Musikstücke, Schwangerschaft, Krebs- und Freitod.

Damit reiht sich Le Tellier in die Tradition der europäischen Postmoderne und unzähliger US-amerikanischer Mystery-Serien und -Filme inhaltlich und auch stilistisch ein. Sein Roman wird dergestalt zu einem (weiteren) Beitrag der Oulipo zum Pulp. Die Idee, einzelne Kapitel intertextuell an bekannte Erzählungen der Popkultur – von The Matrix über Orphan Black bis zu Dexter – anzunähern, erinnert an das Vorgehen Stefano Bennis in Il bar sotto il mare (1987). Grundsätzlich wird die Idee des Doppelgängers in einer Mise en abyme präsentiert, da jeder Protagonist schon gleichsam von Haus aus Geheimnisse mit sich trägt und eine Art Doppelleben führt: der eigentlich schwule Rapper, die vom Vater sexuell missbrauchte Siebenjährige, der Auftragskiller mit multiplen Identitäten. Die Widersprüche und Verstrickungen von Fiktion und Faktizität werden auf allen Ebenen durchgespielt und natürlich darf auch ein Alter Ego des Autors nicht fehlen, der Schriftsteller Victor Miesel, der ebenso einen Roman mit dem Titel Anomalie fertig stellt, um sich danach von einem Gebäude in den Tod zu stürzen. Dass sich dabei die Ebenen von Binnenfiktionalität und Rezipientenrealität vermischen, kommt unter anderem dadurch zum Ausdruck, dass der fiktive Text von Miesel mehrfach zitiert wird und Textzeilen daraus als Widmung Eingang in den Paratext finden, also die rein fiktionale Ebene des Romans durchbrechen. Zudem wird Miesels Werk posthum unter dem Namen Victør publiziert und orthographisch an die Simulationstheorie von Bostrøm angenähert – wobei beide Schreibweisen frei erfunden sind.

Ein zweites Alter Ego des Linguisten und Mathematikers Le Tellier findet sich zudem in der Figur des Princetoner Wissenschaftlers, der vom Geheimdienst zur Lösung der Krise rekrutiert wird und mathematische Expertise mit einer Spur schelmischen Witzes und einer persönlichen Unsicherheit im Umgang mit Frauen kombiniert. Zudem persifliert das schnell vereinte Expertengremium aus Geheimdienstlern und Akademikern die Vertreter der Oulipo-Gruppe. Satire und Spott trägt außerdem die Skizze der Staatsoberhäupter, allen voran des an Donald Trump erinnernden US-Präsidenten, der sich die komplexen Zusammenhänge nur durch seine Kenntnis der amerikanischen Filmwelt und sein Trash-Wissen erschließen kann, vielleicht aber deshalb relativ ruhig bleibt. Und auch der Irrglaube der amerikanischen Sicherheitsbehörden, für welche die Existenz von Außerirdischen einen hohen Realitätsstatus innehat, trägt dazu bei, das Thema von Fiktion und Faktizität im Zeichen der titelgebenden Anomalie, aber im Modus der Ernsthaftigkeit durchzuspielen. Die Wissenschaftler hingegen erleben, wie ein ursprünglicher Scherz – das nach dem 11. September als Sicherheitsszenario entwickelte Protokoll 42, welches das Auftauchen von Doppelgängern antizipiert – tatsächlich Realität wird. Die einzelnen Verflechtungen zwischen den Figuren, deren Leben und das Setting, dessen Plot gleichsam auf den Glaubensüberzeugungen der US-Gesellschaft beruht, hat Le Tellier selbst mit einem Scoubidou verglichen, in Frankreich sehr beliebte und kunstvoll verflochtene Plastikbänder, dereinst benannt nach einem Chanson von Sacha Distel.

Somit wären in dem Roman alle wesentlichen Ingredienzien der US-Populärkultur vereint, die gewissermaßen hier symbolisch für das ästhetische Kombinieren von billigem Material stehen. Die Rahmenhandlung des Katastrophenflugs nimmt die Angst vor Technikversagen und die heldenhafte Rettung dank amerikanischer Genialität auf und schließt an einschlägige Verfilmungen im Zuge von Arthur Haleys Airport an. Die FBI-Agenten scheinen aus TV-Serien wie Akte X entsprungen; deren investigative Organisation gemahnt an die Serie 24, die düstere Weltuntergangsstimmung könnte einer Regiearbeit von Roland Emmerich entstammen. Zahlreiche Mystery-Serien (Stranger Things, Lost, Twin Peaks), Stephen King-Romane oder Spielberg-Filme (E.T.- The Extra-Terrestrial, Jurassic Park, Minority Report) wären überdies zu nennen. Dass Wissenschaftler mit in Staatsaffären einbezogen werden, kennen wir aus Tom Clancys Jack-Ryan-Romanen und deren Verfilmungen ebenso wie aus den Thrillern von Dan Brown. Die Geschichte um den Auftragsmörder Blake ist eine amoralische Version der TV-Serie Dexter. Nicht verwunderlich auch, dass die Protagonist:innen von L’Anomalie Filmschaffende sind wie Lucie Bogaert, Architekten wie ihr Lebensgefährte André Vannier oder eine afroamerikanische Anwältin wie Joanna Woods, die sich aus kleinen Verhältnissen nach oben arbeitet, aber Ethos und Moral über Bord wirft – das Personal der John Grisham-Romane und -Verfilmungen.

Foto: Francesca Mantovani © Editions Gallimard

Das Drama ist ebenfalls vertreten und zwar durch die Leidensgeschichten des Piloten David Markle, der zweimal an Bauchspeicheldrüsenkrebs verstirbt, und der siebenjährigen Sophia Kleffmann, deren Vater, ein amerikanischer Soldat, sie missbraucht, während sie sich um ihren vermeintlich toten und wiederbelebten Frosch sorgt. Als weiteres beliebtes Thema der Populärkultur taucht die Geschichte des nigerianischen Rappers Slimboy auf, der seine Homosexualität zunächst verbirgt, aber dann ein mehr oder weniger gelungenes Coming-Out erlebt und auch – afrikanische Vorbehalte gegen Zwillinge ignorierend – mit seinem neuen Alter Ego als verlorener Zwillingsbruder ein Duo bildet und so in der Erfolgsspur bleibt. Hier fällt am meisten auf, dass der Autor allerdings nicht wirklich in der Populärkultur zu Hause ist, als Exponent der aktuellen Popmusik Elton John benennt und mit dem Hiphop den prototypischsten Bereich der Jugendkultur einführt.

Am meisten oulipesk ist jedoch die letzte Seite des Romans, der in einem calligramme endet, also jener Gattung der konkreten Poesie, die insbesondere Apollinaire in die französische Literatur eingeführt hat und von der Oulipo-Gruppe immer wieder aufgegriffen wurde. Interpreten (vgl. die französische Wikipedia-Seite) haben bis dato über die Deutung des abschließenden visuellen Effektes in L’Anomalie gerätselt und offengelassen, ob hier Buchstaben fehlen und zu ersetzen sind. Eine solche Lesart ist möglich und führt zunächst noch zu klaren Ergebnissen wie der Rekonstruktion von „et la tasse à café rouge de mar e I y da la ma de ctor“ zu „et la tasse à café rouge de marque Illy dans la main de Victor Miesel“. Interessanter wird es dann, als verbleibende Buchstaben dechiffriert werden müssen, wobei „u.l.c.é.r.a.t.i.o.n.s.“ an eine frühe Veröffentlichung der Oulipo-Gruppe, Ulcérations von Georges Perec (1974), erinnert. Und passend erscheint auch, dass die letzten drei Buchstaben das Wort „fin“, also Ende ergeben. Nimmt man allerdings die Gattung des Kalligramms ernst, gilt es auf die Bildhaftigkeit zu blicken. Die Form erinnert tatsächlich an eine Art Atlas, der die Welt bzw. den Text auf seinen Schultern trägt und damit wiederum symbolisieren kann, wie unsere Erde ferngesteuert wird oder aber wie das Verhältnis von Autor und Text zu verstehen ist.

Der Roman ist ein großer Verkaufserfolg (mehr als eine Million verkaufte Exemplare innerhalb des ersten Jahres), soll überdies für das Fernsehen verfilmt werden und wurde im Sommer in einer viel gelobten deutschen Übersetzung bei Rowohlt publiziert (Hervé Le Tellier: Anomalie, dt. übs. von Jürgen und Romy Ritte, Hamburg: Rowohlt 350 Seiten, 22 Euro). Die Unendlichkeit der Möglichkeiten, die er entfaltet, mag vielleicht auch Anlass sein, ältere Werke von Le Tellier neu zu entdecken, wie etwa seine hundert Variationen nach der Mona Lisa (Joconde jusqu'à cent, 1998).

Hervé Le Tellier: L'anomalie, Paris: Gallimard 2020, 306 S. In der deutschen Übersetzung von Romy & Jürgen Ritte erschienen bei Rowohlt unter dem Titel Die Anomalie.

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