Hauberg

Was ist es, das als Anker fungieren kann, von dem aus sich die Fäden spinnen, Fäden von Erzählenswertem, die zu einem Netz werden, das einen auffängt, in dem man gehalten wird?

Veröffentlicht am
20.12.23

Studierende

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Hakan Nesser schreibt, dass jede Erzählung einen Ausgangspunkt benötige, einen Narrationstrigger gewissermaßen, von dem aus sie gewebt wird. Ein konkretes Ereignis? Eine Emotion? Ein Zitat? Ein Gegenstand? Was ist es, das als Anker fungieren kann, von dem aus sich die Fäden spinnen, Fäden von Erzählenswertem, die zu einem Netz werden, das einen auffängt, in dem man gehalten wird?

Wo lässt sich ankern? Die Erinnerungen sind es, mein Anker, aufgereiht im Denkarium des Gedächtnisses. Die Erinnerungen sind das einzige Paradies, aus dem man niemals vertrieben wird, hat Jean Paul geschrieben. Es ist mein Gedächtnis und doch auch mehr als das. Zwischen mir und allen, Individuelles und Soziales gemischt. Alles eine Frage des Mischverhältnisses?

Meine Erinnerungen, ich hänge sie auf, wie einzelne Fotos, an einer Leine, nachdem sie in der Dunkelkammer ‚gereift‘ sind. Dort ist das Holz, ich kann es riechen, fein säuberlich liegt es bei uns gestapelt im Schuppen. Was war davor? Männer arbeiten hart mit ihren Händen. Das ist eine Kernmaxime des Lebens auf dem Land, auf den kleinen Dörfern, die lange auf das Breitbandinternet haben warten müssen. Ihr wollt es doch auch warm haben. Es ist Arbeit mit und in der Familie, die Onkels und Cousins, alle sind sie emsig, wie Ameisen, sie schwingen eine Axt im Wald, tanken die Motorsäge mit geübten Handgriffen, den Lärmschutz haben sie in den Ohren, die Schnitzschutzhosen bedecken die Beine, sie drücken auf den hydraulischen Holzspalter. Früher haben wir das noch mit der Hand gehauen. Stolz und Lachen über die längst vergangenen Zeiten, von denen nur noch der konstante Schmerz im Rücken zeugt. Knirschend spaltet sich das Holz.

Und dann sind da auch die Versammlungen der Haubergsgenossenschaft, dieser traditionellen Waldbewirtschaftung, die es nur in meiner Heimat gibt. Als Überbleibsel vergangener Zeiten, das ins Heute ragt. Wie viele Anteilsnehmer sind heute hier, Friedhelm? Genug, gut, damit sind wir beschlussfähig. Die Stimmen tönen in den Ohren, das Klappern des Bestecks auf den Tellern, Kartoffelsalat und Fleischwurst, ebenso. Stimmfetzen liegen auf einigen üppig gefüllten Tellern. Was, deine Tochter hat einen Marokkaner geheiratet?

Die üppig gefüllten Teller – so ist es auch zuhause. Kartoffeln, Fleisch, Gemüse, in der Regel wird derselbe Teller für die verschiedenen Nahrungsmittel gleichzeitig verwendet. Die Aufteilung folgt keinem System, der Inhalt bestimmt die Wahrnehmung. Essen ist funktionell, es erfüllt einen Zweck. Wer arbeitet, der braucht Energie, viel Energie. Das Essen dient der Nahrungsaufnahme, natürlich muss es schmecken, aber schmeckt hier nicht genau das, was der Energiegewinnung für die wichtigen Aufgaben dient? Kartoffeln, Schnitzel und Salat? Nudeln mit Bolognese? Kartoffelgratin? Damit ihr groß und stark werdet. Ist der Geschmack nicht auch eine soziale Disposition und steht er nicht dadurch auch stets zur Disposition?

Der Geschmack kann verräterisch sein, nichts ist wohl peinlicher als die falschen Speisen, die falsche Musik, die falsche Kunst zu mögen, der Geschmack hat etwas Entlarvendes, er trennt. Bei einem Meeting mit den Kollegen aufzufallen, weil man ein Schnitzel bestellt, eine Fleischspeise, mit reichlich Kohlenhydraten dazu, eine Bratwurst anstelle des kleinen Happens, der gar nicht satt macht, der nicht satt machen soll, um anzuzeigen, dass es nicht um Sättigung geht, dass man es sich leisten kann, nochmals weitere Kleinigkeiten zu essen, das löst ein Schamgefühl aus, hier bin ich deplatziert. Die Scham ist in diesem Sinne eine regulative Emotion. Sie ist ein soziales Gefühl, das nur in der Anwesenheit des Anderen entsteht, nicht irgendwelcher Anderer, sondern der, die herrschen. Sie verdeutlicht nicht dazuzugehören.

I can still remember the years and what they meant, as we etched them with our fingers in years of wet cement, so heißt es in diesem einen Song von Rise Against zwischen rockigen Gitarren hindurch, und sofort bin ich wieder dort, sehe mich als Teenager. Es waren dreieinviertel Jahre, gemeinsame Jahre, die dort eingraviert worden sind und doch getrennte, verschieden gelebte Jahre, lang schon vor der Trennung und dem ersten Liebeskummer. Wir waren zwei Akteure in einem Sozialraum, die zu weit auseinander lagen. Physische Nähe und soziale Nähe, soziale Nähe und physische Nähe. Wenn soziale Nähe physische Nähe schafft und die physische Nähe fehlt, dann weil die soziale Nähe längst verschwunden ist? As we were, so perfect, so happy. Das war einmal. Die Erinnerungen in meinem Denkarium. Mein Denkarium lädt dazu ein, immer wieder bei den Erinnerungen zu verweilen, ohne ihnen nachzuhängen wie unerfüllbaren Träumen und damit vergessen zu leben.

Lars

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