„Sichtbar machen heißt benennen, es bedeutet, den 'transclasses' einen Namen zu geben.“

Interview mit der französischen Philosophin Chantal Jaquet

Veröffentlicht am
25.5.2023

Lars Henk

RPTU in Landau

Lea Sauer

RPTU in Landau
Hier klicken um den Beitrag runterzuladen

Die Philosophin Chantal Jaquet landete mit ihrem Buch Les transclasses ou la non-reproduction (2014; dt. Zwischen den Klassen. Über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht, 2018) einen absoluten Erfolg. Steht in den theoretischen Schriften des französischen Soziologen Pierre Bourdieu die Idee im Vordergrund, dass sich die sozialen Verhältnisse, in denen man aufwächst, in der nachfolgenden Generation meist reproduzieren, untersucht Jaquet in diesem Buch die Ausnahmen: Welche politischen, wirtschaftlichen, sozialen und familiären Bedingungen lassen ein Verlassen des vemeintlich vormarkierten Lebenswegs zu? Der so von ihr geprägte Begriff der transclasses, also derjenigen, die immer zwischen den verschiedenen Klassen stehen, ist im heutigen Diskurs um Klasse sowie die sogenannte Arbeiterkinderliteratur – von Didier Eribon über Édouard Louis bis zur Nobelpreisträgerin Annie Ernaux – nicht mehr wegzudenken. Erst kürzlich erschien gar ein eigenes Dossier im Philosophie Magazine zu dem Thema, sodass man durchaus behaupten kann, dass die transclasses auch außerhalb des akademischen Elfenbeinturms Konjunktur haben. Umso schöner, dass wir mit Jaquet im vergangenen Herbst ein Interview führen konnten, in dem wir mit ihr auf die Wichtigkeit des Begriffs, ihren besonderen Forschungsansatz und ihre zukünftigen Projekte zu sprechen kamen.

Guten Tag, Chantal Jaquet, wir bedanken uns sehr herzlich dafür, dass Sie uns so herzlich bei sich empfangen. Ihre Untersuchung Les transclasses ou la non-reproduction (2014; dt. Zwischen den Klassen. Über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht, 2018) ist mittlerweile zu einer wichtigen Referenz innerhalb unseres Projekts über die Erben Bourdieus im literarischen Feld in Frankreich geworden. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch über die sogenannten transclasses, d.h. Personen, die sich zwischen mehreren Klassen bewegen, zu schreiben?

Bourdieus Arbeit über die Reproduktion sozialer Macht wird im politischen Kontext häufig als sozialer Determinismus interpretiert, wie ein unausweichliches Schicksal. Was mir nun bei der Betrachtung von Bourdieus eigenem Vorgehen auffiel, war, dass er selbst angibt, dass es Ausnahmen bei der Reproduktion gibt. Er lädt also dazu ein, über die Nicht-Reproduktion nachzudenken, auch wenn er diese selbst nicht in seiner Theorie berücksichtigt. Mein Vorgehen bestand dann in dem Versuch, über die Fälle der Nicht-Reproduktion nachzudenken und ein eigenes Denkmodell zu bilden, das darauf abzielt, Bourdieus Denken zu nuancieren und das einzuführen, was ich Logik des Konträren genannt habe – und nicht Logik der Kontradiktionen.

Warum war Ihnen diese Nuancierung so wichtig?

Einfach weil konträre Aussagen auch nebeneinander existieren können, kontradiktorische Aussagen nicht. Der theoretische Antrieb war der Wunsch, die komplexen Ursachen verstehen zu wollen, die diese außergewöhnlichen Lebenswege erklären können. Vor allem wollte ich gegen die Ideologie des Selfmade Man ankämpfen. Dahinter steht natürlich auch mein eigener Lebensweg als transclasse, dessen Ergründung mir interessant erschien. Ich wollte meine Denkinstrumente anderen an die Hand geben, die sich auf ihrem Werdegang mit all den Spannungen, dem Schmerz, dem Gefühl des Verrats, des Schuldgefühls und der Unrechtmäßigkeit konfrontiert sehen. Mein Anliegen war es, mittels der Philosophie Werkzeuge für ein besseres (Selbst-)Verständnis und ein besseres Zusammenleben bereitzustellen.

Warum haben Sie sich dabei gerade auf die Analyse literarischer Werke gestützt? Kann Literatur überhaupt die nötige Objektivität bieten?

Ich musste mich auf die Bereiche stützen, anhand derer es möglich ist, das Intime und das Individuelle zu rekonstruieren. Die Literatur schien diesbezüglich wie ein Reservoir feiner Beispielanalysen. Das heißt nicht, dass ich soziologische Fälle als solche ablehne, aber in soziologischen Studien besteht häufig die Gefahr, einfach nur das zu entdecken, was der Forscher entdecken will. Außerdem sind soziologische Beispiele oft auf die Betrachtung bloß genereller Determinationsmechanismen beschränkt, ob nun in ökonomischer, sozialer oder familiärer Hinsicht. Ich wollte aber gerade das Singuläre untersuchen, das individuell Intime. Die Literatur schien mir auch ein wertvolles Mittel zu sein, um dem nachzugehen, was Sartre das singulier universel, d.h. das ,universell Singuläre‘, nennt.

Auch wenn es fiktiv ist?

Gerade weil sie fiktionale Geschichten erzählt, erlaubt die Literatur einen genaueren Blick auf die Logik der Nicht-Reproduktion. Stendhal erzählt beispielsweise in Le rouge et le noir (1830, dt. Rot und Schwarz) die Geschichte von Julien Sorel, einem transclasse, der die verschiedenen Spannungen eines Klassenübergängers zu spüren bekommt. Anhand des imaginären Rituals des Sich-Kleidens – entweder blaue (Adel) oder schwarze (Nicht-Adel) Kleidung – zeigt Stendhal sehr gut seine Unentschlossenheit zwischen den beiden Identitäten vom armen Nicht-Adeligen bzw. dem unteren Geistlichen auf der einen, und dem Aristokraten auf der anderen Seite (Anm. der Red.: Der Marquis de la Mole behandelt Julien Sorel je nachdem, welche Kleidung er trägt, unterschiedlich). Julien ist zwischen den verschiedenen Welten gespalten. Natürlich gibt es das Ritual, von dem Stendhal erzählt, im wahren Leben nicht. Die Fiktion erlaubt es, die Spannungen zwischen den Identitäten aus einer gewissen Distanz zu beobachten und dadurch besser darzustellen. Dadurch ist es möglich, sie anders wahrzunehmen und über sie ohne den Schmerz nachzudenken, der das Erkennen dieser Spannungen manchmal mit sich bringt. Die Literatur bietet eine Form der Objektivierung mittels der Fiktion, die es über das gelebte Zeugnis gerade nicht gibt.

Sie erwähnten gerade den Begriff transclasse. Warum haben Sie die Notwendigkeit gesehen, diesen Begriff ins Leben zu rufen, statt sich beispielsweise des transfuge de classe (dt. Klassenüberläufer) zu bedienen, der ja auch von Bourdieu in Esquisse pour une auto-analyse (2004; dt. Ein soziologischer Selbstversuch, 2002) benutzt wird?

Er schien mir nicht objektiv genug. Und aus zweierlei Gründen war er mir auch zu limitiert. Erstens verhindert er nicht die wertende Beurteilung der Lebenswege, weil man trotz allem bei einer/einem transfuge de classe immer jemanden beschreibt, der oder die geflohen ist. Der/die transfuge de classe steht immer unter Verdacht, sein Ursprungsmilieu verlassen, es verraten zu haben. Zweitens fasst der Begriff nicht alle möglichen Wechselbewegungen von einem ins andere Milieu. Es gibt Fälle, in denen die Bewegung nicht der Flucht entspricht. Beispielsweise wenn das Herkunftsmilieu die Kinder in ein anderes Milieu drängt, weil es die Kinder einmal besser haben sollen. Oder im Fall von bestimmten sozialen Gruppen, die von Arbeitgebern angelockt oder gefördert werden sollen, wie beispielsweise ausländische Fachkräfte oder Arbeiterkinder, die Stipendien erhalten – alles mit dem Ziel, die Industrie zu stärken. Natürlich sind diese Leute keine transfuges de classe, denn sie werden von der Bourgeoisie ja sozusagen selbst hervorgebracht. Letztlich habe ich den Begriff transclasse auch erfunden, um alle Wechselbeziehungen zwischen den sozialen Klassen betrachten zu können, neben der Flucht auch die Mechanismen, die forttreiben oder anziehen. Und das bewusst ohne Wertung. Damit liegt der Fokus auf den Problemen, denen man bei einem Klassenübertritt gegenübersteht, denn ein Übertritt von einem in ein anderes Milieu vollzieht sich nicht ohne Probleme, nicht ohne Schmerzen. Das Problem des Übertritts muss sichtbar gemacht werden. Sichtbar machen heißt Benennen, es bedeutet, den transclasses einen Namen zu geben.

Durch den Begriff lässt sich auch der soziale Abstieg beschreiben, oder?

Genau. Alle Bewegungsrichtungen sind inbegriffen. Bourdieu selbst unterstreicht, dass es zwei Ausnahmen der Reproduktion gibt: Abgesehen vom sozialen Aufstieg, gibt es auch die Erben, die ihr Erbe verspielen.

Wie kommt es, dass sich die transclasse-Erzählungen heute so großer Beliebtheit erfreuen, so erfolgreich im literarischen Feld sind, sowohl in Frankreich als auch in Deutschland?

Ich sehe mehrere Gründe. Erstens denke ich, dass sie ihren Erfolg zum großen Teil den Sozialwissenschaften zu verdanken haben, die einen Rahmen geschaffen haben, in dem sich der Gedanke durchgesetzt hat, dass diese Lebenswege nichts Unrechtmäßiges, Beschämendes oder Verräterisches haben. Zweitens glaube ich, dass die Aufwertung dieser Geschichten darauf zurückzuführen ist, dass unsere Gesellschaften äußerst immobil sind. Das Scheitern der Sowjetunion hat die Vorstellung einer anderen Gesellschaftsformation schwierig gemacht. In unseren individualistischen Gesellschaften interessiert man sich viel für den Weg des Einzelnen, eben weil globale Veränderungen so unmöglich scheinen.

Vergangenes Jahr führten wir ein Interview mit der deutschen Soziologin Silke van Dyk, die sich auch mit Arbeiterkinderliteratur beschäftigt. Sie betont, dass es sich bei diesen Erzählungen auch immer um Geschichten von Individuen handelt, die es allen Widerständen zum Trotz geschafft haben. Verfolgt man diesen Gedanken weiter, könnte man meinen, sie stärken damit die neoliberale Ideologie.

Das kommt meines Erachtens auf die Literatur an. Ich persönlich habe in meinem Buch Erzählungen analysiert, in denen es nicht darum geht, dass erfolgreiche Individuum zu bewerben. Im Gegenteil zeigen sie doch auf, wie jemand zu einem Menschen mit einer bestimmten Klassenzugehörigkeit gemacht wird. Sie zeigen uns demnach auch, wie globale Veränderungen möglich wären. Die transclasse-Erzählungen geben uns Mittel an die Hand, mit denen wir die Ketten der ökonomisch schwächeren Milieus und der Erben durchbrechen können. Die Lösung kann nicht sein, einfach mehr transclasses zu produzieren, die dann die sozialen Hindernisse überwinden können. Das wäre dann eine individualistische Haltung. Man muss stattdessen fragen, wie diese Grenzen für alle aufgehoben werden können.

Hinter ihrem Buch steckt also eine politische Haltung, wenn wir Sie richtig verstehen. Wo liegen genau die Anknüpfungspunkte für konkret politisches Handeln?

Tatsächlich ist die politische Frage: Was macht man aus diesen Lebenswegen, die ja grundsätzlich erst einmal weder positiv noch negativ sind? Welche Stellung nimmt man im Schema ‚Herrschende–Beherrschte‘ ein? Nutzt man diesen Weg, um die bestehenden Herrschaftsverhältnisse zu bestärken, beispielsweise indem man die Haltung eines Selfmade Man einnimmt? Es sind die transclasses, die an die Öffentlichkeit gehen, um den individualistischen Diskurs zu entmystifizieren, um aufzuzeigen, dass der individuelle Lebensweg nicht (nur) die Frucht des eigenen Könnens, der eigenen Leistung ist.

Diese Erzählungen erlauben es somit also, eine Antwort auf die Frage zu geben, wie wir innerhalb unserer Gesellschaft zusammenleben können?

Genau. Ausgehend davon, dass die transclasses auf einen Erfahrungsschatz aus verschiedenen Milieus zurückgreifen können, stellt sich die Frage: Wie wollen wir zusammen leben? Wie können wir eine Gesellschaft erschaffen, in der sich jeder an seinem Platz anerkannt fühlt, und zwar auch kulturell, d.h. menschlich? Dabei kann es nicht darum gehen, eine strikt homogene Gesellschaft zu kreieren, in der jeder genau das Gleiche bekommt, sondern eine Gesellschaft, die jeder Person ihre maximale Handlungsmacht zuspricht und die Mittel an die Hand gibt, ihre Wünsche bestmöglich realisieren zu können.

Was halten Sie von aktuellen transclasse-Erzählungen? Haben Sie einen Favoriten oder eine Favoritin?

Natürlich hat mich als Frau Annie Ernaux stark beeinflusst, gerade weil es sich bei ihren Erzählungen keineswegs um die Geschichte eines individuellen Aufstiegs handelt, bei dem der Schwerpunkt ausschließlich auf der Selbstveränderung liegt. Sie situiert sich immer in einem sozialen Umfeld. Insgesamt lässt sich sagen, dass ich es interessanter finde, wenn die Autorinnen und Autoren in ihren Erzählungen ihr Umfeld nicht außer Acht lassen, weil mir die Geschichten dann tiefgründiger erscheinen als in denjenigen, in denen der Mythos des Selfmade Man zwar angeprangert wird, der Schwerpunkt aber schließlich doch wieder nur auf dem eigenen Selbst liegt bzw. auf dem eigenen Leiden, ganz so, als ob dieses Leiden kein kollektives Leiden wäre, das auch von anderen geteilt wird, die in solch elenden Verhältnissen leben. In letzter Zeit haben mich zudem transclasse-Erzählungen aus migrantischer Perspektive sehr berührt.

Können Sie da bestimmte Veränderungen oder Stilmerkmale benennen, die die aktuelle Klassen- oder transclasse-Literatur auszeichnet?

Die Erzählungen sind ja alle auf sehr unterschiedliche Art und Weise geschrieben und verfolgen eigene Stile. Das macht sie umso interessanter, weil sie die Komplexität des Themas zeigen. Sie geben somit den Blick auf eine vielfältige Realität frei, was bereichernd ist. In der Literatur gibt es zunehmend auch Verbindungen zwischen dem sozialen Werdegang und der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der sexuellen Orientierung oder der ethnischen Zugehörigkeit bzw. der Hautfarbe. Dies betrifft insbesondere die Lebensläufe von jungen Frauen, zumindest in Frankreich, etwa mit nordafrikanischem Migrationshintergrund und muslimischer Religion, die sich zu ihrer Homosexualität bekennen.

Das stößt uns auf das Konzept der Intersektionalität, das ja vor allem im feministischen Diskurs in den vergangenen Jahren an Auftrieb gewonnen hat. Wie fruchtbar ist Intersektionalität für ihr Konzept der transclasses?

Das Konzept der Intersektionalität ist ein durchaus probates Mittel, um auf Diskriminierungsmechanismen aufmerksam zu machen, die sonst nicht sichtbar wären. Die Juristin Kimberlé W. Crenshaw konnte in den 1980ern sehr gut aufzeigen, wie Schwarze Frauen weder in der Kategorie der Frauen, noch in derjenigen der Schwarzen als repräsentativ galten und somit keine wirklich eigene Stimme hatten. Die Intersektionalität ist allerdings, wie Crenshaw schon damals betont hat, ein vorläufiges Konzept. Die Gefahr besteht darin, sich in diesen Festlegungen wie race, Geschlecht, usw. zu verfangen und dabei, um es bildlich zu sagen, immer nur auf seiner eigenen Kreuzung zu bleiben und nie auf andere zu treffen, also das große Ganze aus dem Blick zu verlieren.

Oft wird auch die Hierarchisierung der einzelnen Kategorien kritisiert.

Die Hierarchisierung der Kategorien, bei der die Diskriminierungsfaktoren in Konkurrenz treten, ist ebenfalls eine große Gefahr. Es gibt keine Menschen, die mehr Opfer sind als andere. Jedes Opfer von Diskriminierung verdient es gleichermaßen, gehört und geschützt zu werden.

Sehen Sie auch die Gefahr, dass dieses künstliche Konkurrenzverhältnis spalterisch sein könnte?

Absolut. Die politische Macht hat ein Interesse daran, dass sich die Kämpfe fragmentarisieren, denn dann ist es viel einfacher, sie zu unterdrücken. Beispielsweise wurde die Geschlechterdiskriminierung lange Zeit in den Hintergrund gedrängt, weil die Politik sagte, dass sich dieses Problem ganz von selbst lösen würde, wenn der Klassenkampf endlich einmal vorbei wäre. So muss man sich mit dem Problem der Geschlechterdiskriminierung natürlich erst einmal nicht auseinandersetzen. Die Konkurrenz zwischen den Kämpfen, diese Hierarchie der Diskriminierungskategorien, mag momentan den Herrschenden zuträglich sein, aber sie hat eigentlich keine Grundlage, weder axiologisch noch ontologisch, denn im Grunde sind wir genauso wenig Frauen wie Schwarze oder Proletarier. Wir sind all das immer gleichzeitig.

Wie umgehen Sie also diese Gefahren von Hierarchisierung und Konkurrenzbildung, die Sie im Konzept der Intersektionalität sehen?

Für mich ist das Konzept der Komplexion zentral, das ich von Spinoza übernommen habe. Der Begriff kommt ursprünglich aus dem Lateinischen und bezeichnet alles, was miteinander verknüpft ist. Wenn wir Individuen in Form der Komplexion denken, hören wir auf, sie als von anderen abgeschnitten und isoliert zu denken. Komplexion heißt notwendigerweise immer, Interindividualität zu denken, d.h. sich selbst als in Beziehung zu anderen zu verstehen. Das Konzept integriert alle Fäden, die in unserer Existenz eine Rolle spielen und sozusagen unser persönliches Gewebe darstellen, d.h. das Familienerbe, das religiöse Erbe, das soziale Milieu, das Geschlecht, alle sexuellen Orientierungen, die Religion. Während bei der Intersektionalität wie bei einer Kreuzung manchmal nur eine Überschneidung zweier vermeintlicher Gegensätze Beachtung findet, legt die Komplexion das Augenmerk auf die Knotenpunkte aller möglichen verschiedenen Kategorien, die in einem Ich zusammenlaufen. Manchmal sind die Fäden, die zusammenlaufen, nur locker miteinander verbunden oder sie werden neu geknüpft, zerreißen. Komplexion meint somit im Grunde die Vorstellung, dass wir ständig im Begriff sind, alte Verbindungen zu lösen oder neue zu knüpfen – je nach umgebendem Milieu, der politischen und wirtschaftlichen Konjunktur, persönlichen Begegnungen, Liebes-, Gefühls- und Sexualerfahrungen und den Erfahrungen von Unterdrückung oder Diskriminierung. Durch die Komplexion wird es auch möglich, aus der Aporie zwischen dem Individuum auf der einen und dem Kollektiv auf der anderen Seite auszubrechen.

Spinoza spielt bereits in Ihrem Buch zu den transclasses eine zentrale Rolle. Können Sie uns mehr darüber verraten, wie sich seine Philosophie für die Analyse der transclasse brauchbar machen lässt?

Meine Forschung zu Spinoza bildet den Hintergrund für diese Arbeit. Ich stütze mich auf die Idee, dass der eigene Werdegang nicht einfach Schicksal ist, auch wenn man den freien Willen und die Willenskraft als erklärende Ursache ablehnt. Spinoza negiert zwar den freien Willen, hebt aber gleichzeitig auch die Determinismen hervor. Bei ihm gibt es die Idee einer Handlungsmacht, die sich auf einen Determinismus stützt, sozusagen einen Determinismus des Handelns. Dieser steht einem Determinismus der Leidenschaft gegenüber, bei dem man handlungsunfähig ist. Genau diese Idee der Handlungsmacht scheint mir zentral, um den Weg der transclasses zu beleuchten, denn es setzt immer ein Handeln mit anderen, ein gemeinsames Handeln voraus. Denn ja, das Individuum wechselt die Klasse, aber die Ursachen sind interindividuell oder, wie man auch sagen könnte, transindividuell. Immer sind institutionelle, wirtschaftliche und familiäre Beziehungen die Grundlage. Es handelt sich also um ein Bündel von ineinandergreifenden und kollektiven Determinationen. Handlungsmacht ist immer kollektiv.

Brauchen wir also Spinoza, um soziale Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft zu erlangen?

In gewisser Weise schon, auch wenn das nicht sein eigentliches Anliegen war. Sein Kernthema ist die kollektive Handlungsmacht und die Frage danach, wie sich die Handlungsmacht eines jeden Einzelnen erhöhen lässt.

Vielen Dank für das Gespräch, Chantal Jaquet!

Chantal Jaquet ist Philosophin und Professorin für Philosophie an der Universität Paris I, Panthéon-Sorbonne. Sie forscht zu Spinoza, der Geschichte der modernen Philosophie, der Philosophie des Körpers und Sozialphilosophie. Das Buch Transclasses. Ou la non-reproduction erschien 2014 in den Presses Universitaires de France. Aus dem Französischen übersetzt von Horst Brühmann und mit einem Nachwort von Carlos Spoerhase ist das Buch unter dem Titel Zwischen den Klassen. Über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht bei Konstanz University Press erschienen.

Weitere interessante Essais:

Trajectoires. Lebenswege in der Romanistik

Lars Henk

RPTU in Landau

Gregor Schuhen

RPTU in Landau

Lea Sauer

RPTU in Landau
Zum Beitrag
Trajectoires. Lebenswege in der Romanistik

Lars Henk

RPTU in Landau

Lea Sauer

RPTU in Landau

Gregor Schuhen

RPTU in Landau
Zum Beitrag