„Hier beginnt ein Roman im Klassenzimmer.“

Wir sprechen mit dem frankoalgerischen Autor, Wissenschaftler und Politiker Azouz Begag über seine Beziehung zu Deutschland, Rassismus und die Macht der geschriebenen Worte

Veröffentlicht am
20.5.2026

Lars Henk

RPTU in Landau

Gregor Schuhen

RPTU in Landau
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Herr Begag, wir danken Ihnen dafür, dass Sie uns zum Interview treffen. Laut unseren Recherchen halten Sie sich regelmäßig in Deutschland auf – kürzlich etwa anlässlich der Verleihung des Prix des Lycéens allemands. Was verbindet Sie mit Deutschland?

Viel (lacht). Meine Beziehung zu Deutschland begann vor 30 Jahren, vielleicht sogar vor 35 Jahren, und zwar dank einer Einladung des Ernst Klett-Verlags mit Sitz in Stuttgart. Damals war Gilles Floreyfür die Abteilung zuständig, die französische Bücher für deutsche Schülerinnen und Schüler übersetzte. So habe ich erfahren, dass viele Französischlerner in Baden-Württemberg mit derselben Buchreihe arbeiteten. Sie hieß Ensemble. Der Titel hat mir direkt gefallen (lacht). Kennen Sie das?

Natürlich kennen wir diese Buchreihe hier in derPfalz.

Dank Klett habe ich unzählige Einladungen bekommen, um deutsche Schülerinnen und Schüler zu treffen – das war jedes Mal großartig.

Und Deutsch haben Sie selbst in der Schule gelernt?

Ja, genau. Als ich aufs Gymnasium ging, habe ich Deutsch als zweite Fremdsprache gelernt, am Lycée Saint-Exupéry in Lyon. Ich habe mich für Deutsch entschieden, weil ich ein wenig in eine Lehrerin verliebt war, die ich vom Schulhof kannte. Sie hieß Ursula Müller. Sie kam aus Stuttgart und war außergewöhnlich. Ich erinnere mich auch noch gut an die erste Woche, als wir den Satz gelernt haben: „Es blieb uns nichts anderes übrig, als ein Taxi zunehmen.“ Warum auch immer – mir fiel die Aussprache leicht; ich habe schnell ein Gefühl für den Klang der deutschen Sprache entwickelt, ganz anders als viele meiner Mitschüler. Aber ich will ergänzen, dass ich Deutschland nicht nur über die Sprache kennengelernt habe, sondern auch über meine Sinne – gewissermaßen mit der Nase.

Was bedeutet das, Deutschland mit der Nase kennenzulernen?

Das will ich Ihnen gern erklären. Heute Morgen bin ich in Ihrer Stadt Landau aufgewacht und hatte den Duft der Rosen vom See in der Nase. Ich bin ganz in der Nähe im Hotel untergebracht. Ich liebe die Blumen in Deutschland wirklich sehr. Seit meinem ersten Besuch hier bin ich mit meiner Nase auf Entdeckungsreise gegangen und habe Deutschland so über seine vielfältigen Gerüche immer besser kennengelernt.

Gemeinsames Foto in der Roten Kaserne mit Vertretern und Vertreterinnen der DFG (Landau) und Azouz Begag

In Ihren Büchern, die in Deutschland sehr erfolgreich sind, ist das Migrationsthema sehr präsent. Ihre Eltern stammen aus Algerien. Sie selbst sind in Frankreich geboren und in Lyon aufgewachsen. Inwiefern ist Migration ein Lebensthema für Sie?

Ich, der ich ein Kind der Armut bin, ein Kind aus dem Elendsviertel, mit Eltern, die niemals Französisch mit meinen Geschwistern oder mir gesprochen haben, bin von der Migration regelrecht verfolgt.

Das müssen Sie uns erklären.

Meine Eltern haben all die Traumata der Kolonialzeit mit nach Frankreich gebracht. Sie haben im Land der Kolonisatoren sehr unter dieser Herrschaft gelitten. Diese Traumata haben sie an alle ihre Kinder weitergegeben. Deshalb schreibe ich auch 60 Jahre später noch Bücher über diese Traumata, über Migration, über Flucht.

Was wollen Sie damit bezwecken?

Als ein kleiner Schriftsteller, der seine Bücher schreibt, versuche ih meinen Beitrag dazu zu leisten, dass das Feuer der Menschlichkeit nicht ausgeht, nicht aufhört zu brennen. Es macht mich ziemlich traurig zu sehen, dass den Geflüchteten, die alles aufgeben müssen, denen buchstäblich nur noch die Haut am eigenen Leib bleibt, in vielen europäischen Ländern kein Mitgefühl entgegengebracht wird. Anstatt Mitleid zu empfinden, anstatt Empathie für diese armen Menschen zu haben, werden sie entmenschlicht. Heute werden Geflüchtete oft wie Tiere behandelt. Ich habe den Eindruck, die Europäer denken, es sei nicht schlimm, wenn diese Menschen im Mittelmeer umkommen. Diese Schicksale sind nur Zahlen, abgelöst von konkreten Schicksalen. Gleichzeitig ist die Welt schockiert, wenn vier reiche Amerikaner bei dem Versuch verunglücken, das Wrack der RMS-Titanic zu besichtigen. Die Nachrichten überall auf der Welt waren voll von dieser Meldung, weil die vier Touristen 500.000 Dollar für ihre Reise bezahlt hatten. Aber die Armen, die Migranten – sie haben keine Anwälte, die für sie Partei ergreifen, die sich über die Ungerechtigkeiten, denen sie ausgesetzt sind, empören.

Ist Ihre eigene Empörung ein Grund dafür, dass Sie Soziologe geworden sind?

Ja, absolut. Die Literatur und die Wissenschaft geben mir Mittel an die Hand, um zu versuchen, den Rassismus einzudämmen. Haben meine Kolleginnen und Kollegen und ich damit Erfolg gehabt? Ich glaube nicht … Im Gegenteil: Mich deprimiert mein Eindruck:  Je mehr wir die Migranten und die Kinder verteidigt haben, desto mehr hat der Rassismus zugenommen. Ich denke oft an Martin Luther King Jr., der die Herzen der Menschen in allen Ländern gewann, indem er sagte: „I have a dream today, I have a dream that the people of Landau (lacht) will not be judged by the colour of their skin.“ Er sprach von Liebe, von Brüderlichkeit zwischen den Menschen, unabhängig von ihrer Hautfarbe. Heute, 60Jahre später, ist das Gegenteil der Fall.

Rechtsextreme Parteien gewinnen heute weltweit Wahlen, indem sie Hass und Angst schüren. Was sagen Sie dazu?

Das ist wirklich frustrierend. Die Populisten machen aus Rassismus ein Geschäftsmodell. Ich bestreite nicht, dass es in Europa Sicherheitsprobleme gibt – das sehe ich selbst … Aber ich widerspreche all denen, die Geflüchtete, Einwanderer, Araber, Muslime, zum Sündenbock machen. Ich wende mich gegen diese politische Instrumentalisierung. Dafür, dass das Unsicherheitsgefühl wächst, kann keine Ethnie verantwortlich gemacht werden. Es ist ein soziales Problem, das von der Gesellschaft bekämpft werden muss.

Sie schreiben also insbesondere, um den Rassismus zu bekämpfen?

Ich engagiere mich als Schriftsteller und Wissenschaftler. Ich schreibe Bücher und soziologische Artikel. Verglichen mit Aufsätzen, steckt in einem Roman eine besondere Kraft. Man kann Universelles sagen, etwas ausdrücken, das alle Menschen angeht, wohingegen wissenschaftliche Analysen auf eine partikuläre Situation bezogen sind. Né pour partir ist ein Buch von universeller Bedeutung. Es handelt von dem Umgang auf der Welt mit Geflüchteten.

Und neben Ihren Büchern?

Ich versuche, meinen Freunden, die teilweise leider zu Rassisten geworden sind, zu erklären, dass Rassismus wie ein Krebsgeschwür ist. In einer Gesellschaft, die sich vom Rassismus durchdringen lässt, wächst diese Diskriminierung, sie breitet sich wie ein bösartiger Tumor aus – und hört nicht mehr auf zu wachsen. Er macht immer mehr kaputt im sozialen Organismus. Ich sage den Leuten: „Schaut nach Italien, schaut in die Vereinigten Staaten. Wollt ihr, dass es hier genauso wird?“

Hatten Ihre Eltern noch die Möglichkeit, Ihre politische Laufbahn mitzuerleben?

Ich bin 2005 Minister geworden. Mein Vater ist 2002 gestorben, meine Mutter lebte noch. Aber sie hat das nicht verstanden. Was bedeutet es schon, Minister zu sein? Auch nach 50 Jahren in Frankreich sprachen meine Eltern kein Französisch. Außerdem waren sie Analphabeten. Als ich Schüler war, konnten sie meine benoteten Schularbeiten nicht unterschreiben. Nichtsdestotrotz haben mich meine Eltern immer unterstützt: Mein Vater sagte, dass man, bevor man die Taschen mit Geld füllt, zuerst den Kopf mit Wissen füllen müsse – dass wir lernen, war ihm wichtig.

Warum haben Ihre Eltern kein Französisch gelernt?

Sie glaubten lange an den Mythos der Rückkehr in ihre Heimat. Sie sagten oft: „Wir brauchen kein Französisch zu lernen, denn morgen, in drei Monaten, kehren wir nach Hause zurück.“

Aber sie sind in Frankreich geblieben?

Ja. Sie haben den Wunsch zurückzukehren aufgegeben und es dann schlicht versäumt, Französisch zu lernen.

Haben Ihre Brüder und Schwestern Ihren Weg verfolgt?

Ja, sie sind stolz darauf. Die meisten meiner Geschwister sind – wie ich – in Frankreich geboren. Deshalb können sie würdigen, was ich erreicht habe.

Könnten Sie die Entstehung Ihres Romans Né pour partir etwas skizzieren?

Gerne. Vor etwa drei Jahren habe ich Schreibateliers in Schuleg eleitet, fast ausschließlich mit Kindern aus Migrationskontexten. Das waren Schülerinnen und Schüler aus enorm benachteiligten Familien. Ich bin für sechs bis acht Monate in diese Klassen gegangen, um mit den Schülerinnen und Schülern zu arbeiten. Am Anfang waren sie überhaupt nicht an meinem Unterricht interessiert, das muss ich ehrlich gestehen. Ich habe dann zunächst mit ihnen im Bereich Geografie gearbeitet. Ich wollte, dass sie Frankreich zeichnen. Das war aber unmöglich. Sie kannten die Umrisse des Landes nicht, in dem sie lebten. Vierzehn-, fünfzehn- oder auch sechzehnjährige Schülerinnen und Schüler wussten nicht einmal, wo das Mittelmeer liegt.

Und in dieser Schreibwerkstatt haben Sie Mamadou kennengelernt?

Genau. Plötzlich begann ein Junge zu sprechen. Das war Mamadou. Er war zwei Jahre älter als die anderen Schülerinnen und Schüler. Er war knapp 17Jahre alt und seit zwei Jahren in Frankreich. Er sagte: „Ich kenne das Mittelmeer – und ich kenne sogar Afrika. Ich bin in Guinea, in Conakry, geboren.“ Ich fragte weiter: „Wo liegt Guinea?“ Da erklärte er den anderen Schülerinnen und Schülern, wo seine Heimat ist. Er sprach über Afrika, er erzählte seine Geschichte. Und ich bat die Klasse, sich Notizen zu machen. Ich sagte: „Jetzt werden wir Mamadous Leben beschreiben.“ Während er erzählte, wurde mir Folgendes klar: Das ist ein Buch. Hier beginnt ein Roman im Klassenzimmer. Wer hätte das gedacht? Und ich sagte zu Mamadou, der damals noch keine Aufenthaltspapiere hatte: „Wir werden aus deiner Geschichte ein Buch machen. Du wirst Schriftsteller werden – und du wirst Papiere in Frankreich bekommen.“ Es hat sich tatsächlich alles gut entwickelt. Wir haben den Roman veröffentlicht. Schließlich hat er auch Aufenthaltspapiere erhalten.

Sie haben sein Leben gerettet!

Zumindest ein bisschen. Es freut mich sehr, dass ich helfen konnte. Wir haben regelmäßig Kontakt. Heute hat er eine Frau und ein Baby in Frankreich – ein Mädchen. Sie heißt Fatoumata. Im Moment besucht er seine Familie in Guinea, mit einem französischen Pass. Das ist unglaublich! Wer hätte das für möglich gehalten, als er in Frankreich nach seiner langen Fluchtangekommen ist.

Ihr Roman erinnert uns an die klassische Heldenreise. Würden Sie dem zustimmen?

Das stimmt schon. Von Homers Odyssee bin ich regelrecht besessen. Das ist, wenn Sie so wollen, auch eine Geschichte davon, was es bedeutet, seine Heimat zu verlassen. Stellen sie sich einmal all die Prüfungen vor, die dieser Held bestehen muss, um nach Hause zurückkehren zu können. Auf jeder Seite muss er sich einer neuen Herausforderung stellen. Bei Mamadou ist es ähnlich: Er musste sehr viele Hindernisse überwinden, um nach Frankreich zu gelangen und seinen Vater zu retten. Das ist ja der Grund für seine Reise. Er will Medikamente für seinen schwerkranken Vater besorgen.

Wie haben Sie gemeinsam an dem Roman gearbeitet?

Er hat mir seinen Reiseweg, so gut es eben ging, auf Französisch beschrieben. Ich habe ihm zugehört, wir haben gemeinsam darüber gesprochen, ich habe nachgefragt, wenn ich ihn nicht verstanden habe, es war nicht einfach,weil er sich damals noch nicht so gut ausdrücken konnte. Dann habe ich angefangen, das Buch zu schreiben. Ich war gewissermaßen seine Feder, ich habe ihm meine Sprache geliehen, da er Französisch nicht gut beherrschte.

Der Roman wirkt stellenweise wie ein Film. Gibt es Pläne für eine Verfilmung?

Schön, dass Sie das so sehen. Wenn ich ein Buch schreibe, habe ich immer auch die Möglichkeit einer Verfilmung im Kopf. Es bereitet mir Freude ,Literatur und Kino miteinander zu verbinden. Aber leider haben wir bisher kein Angebot erhalten …

Das ist schade. Woran arbeiten Sie im Moment?

Ich denke viel über eine Liebesgeschichte nach. Ich habe vorhin gesagt, dass Rassismus für eine Gesellschaft eine Krebsgeschwulst ist. Für eine Paarbeziehung ist Eifersucht eine Krankheit. Sie ist schrecklich. Dieses Thema interessiert mich momentan sehr, ich weiß aber noch nicht, was ich genau daraus mache …

Wir warten gespannt auf den neuen Roman. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Begag.

Es war mir ein Vergnügen.

 

Das Interview führten wir im Juni 2025.

 

 

 

 

 

 

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