Marcel und ich

Zum 150. Geburtstag oder wie Proust mein Leben verändert hat

Veröffentlicht am
17.8.2021

Gregor Schuhen

Universität Koblenz-Landau
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Aller Anfang ist schwer

Schon seit einiger Zeit standen in meinem Ikea-Bücherregal zehn Bände Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: blaue Buchrücken, Suhrkamp, Übersetzerin: Eva Rechel-Mertens. Im Schatten junger Mädchenblüte, Die Welt der Guermantes und Sodom und Gomorra erstreckten sich in der damaligen Ausgabe noch auf jeweils zwei Bände. Mein bildungsbeflissener Onkel hatte mir diese Gesamtedition Mitte der Neunziger Jahre zu Weihnachten geschenkt, weil er meinte, dass jeder Französisch-Student irgendwann mal Proust gelesen haben müsste. Seither erfüllte dieser Meter blauer Buchrücken erst einmal eine rein dekorative Funktion in meiner kleinen Studentenbude, passte er doch hervorragend zum Teppich in derselben Farbe.

Der Titel Auf der Suche nach der verlorenen Zeit hatte mich intuitiv immer angesprochen, ohne dass ich auch nur die geringste Ahnung hatte, worum es im gleichnamigen Werk ging. Diese Ahnungslosigkeit endete, als im Sommersemester 1999 im damals noch gedruckten, rund 200-seitigen Vorlesungsverzeichnis ein Hauptseminar mit dem schlichten Titel „Proust lesen“ angekündigt wurde. Der angefügte Ankündigungstext wurde mit dem nicht gerade ermunternden Satz „Proust lesen ist schwer“ eröffnet, doch er stammte von meiner damaligen Lieblingsdozentin, die später meine Doktormutter werden sollte– also ließ ich mich auf die Schwere der Lektüre bereitwillig ein. Einigermaßen erleichtert stellte ich fest, dass wir nicht die gesamten sieben Bände lesen würden, sondern ‚nur‘ den ersten, Du côté de chez Swann. Ich besorgte mir also die französische Ausgabe von Folio, deren Cover die von Monet gemalte Fassade der Kathedrale von Rouen zierte. Um nicht ganz unvorbereitet in das Seminar zu gehen, wollte ich bereits vorab einen großen Teil des Bandes gelesen haben. Schnell sollte ich merken, dass der erste Satz im Vorlesungsverzeichnis keineswegs übertrieben war und holte mir Schützenhilfe von Eva Rechel-Mertens. Noch nie zuvor hatte ich mich für den Namen von Übersetzern oder Übersetzerinnen literarischer Texte interessiert – Eva Rechel-Mertens galt jedoch von Anfang an mein uneingeschränkter Respekt.

Selbst in der deutschen Übersetzung fand ich die Lektüre eher mühsam. Ein kranker Mann, der nicht einschlafen konnte und dabei versuchte, sich an sein Leben zu erinnern. Und das über Seiten und Seiten hinweg. Ich war eigentlich Romane mit Handlung gewohnt, doch irgendwann meinte ich zu verstehen, dass dieser quälende Einstieg womöglich durchaus gewollt war. Dass der Leser buchstäblich mit dem leidenden schlaflosen Ich-Erzähler mitleiden sollte. Die durchschnittliche Satzlänge machte das Unterfangen nicht gerade leichter. Ich ertappte mich dabei, dass ich vor jedem neuen Satz die jeweilige Seite scannte und nach dem nächsten Punkt suchte oder zumindest nach einem Semikolon – fast wie ein Schiffsbrüchiger, der nach einer rettenden Insel Ausschau hält. Da ich im Semester zuvor in Englisch ein Seminar zur generativen Syntax besucht hatte, stellte ich mir vor, wie wohl das passende Bäumchen-Diagramm zu Prousts wildwucherndem Satzbau aussehen würde. Ein regelrechter Urwald! Den berüchtigten ‚Satz der Zimmer‘ musste ich mehrmals lesen, da er mir wichtig erschien. Der Ich-Erzähler resümierte in einem einzigen Satz, der sich über zwei Seiten hinzog, sämtliche Zimmer, in denen er mal geschlafen hatte und das waren nicht wenige! Danach wurde es langsam anders. Es setzte so etwas ein wie Handlung. Der Schlaflose erinnerte sich an eine Szene aus seiner Kindheit – oder waren es mehrere? –, als er abends in seinem Kinderzimmer auf den Gute-Nacht-Kuss seiner Mutter wartete. Wenn Besuch im Haus war, kam sie häufig nicht, so dass der Kleine unsägliche Qualen durchleiden musste. Mein Mitleiden mit dem Schlaflosen verwandelte sich in Mitleid mit seinem jüngeren Ich. Die traumatische Wirkung dieses Dramas erschloss sich mir vollends, und es entwickelte sich in mir nach und nach der Wunsch zu wissen, wie das alles wohl weitergehen würde. Wenn ich während der Lektüre eines Romans einmal diesen Punkt erreicht hatte, hatte der Text gewonnen. Was dann nach dem Drama des Zubettgehens folgte, entschädigte mich endgültig für die aufgebrachten Mühen: die berühmte Madeleine-Szene, von der ich vorher immerhin schon einmal gehört hatte.

Und wie in jenem Spiel, bei dem die Japaner in eine mit Wasser gefüllte Porzellanschale kleine Papierstückchen werfen, die sich zunächst nicht voneinander unterscheiden, dann aber, sobald sie sich vollgesogen haben, auseinandergehen, Umriß gewinnen, Farbe annehmen und deutliche Einzelheiten aufweisen, zu Blumen, Häusern, echten, erkennbaren Personen werden, ebenso stiegen jetzt alle Blumen unseres Gartens und die aus dem Park von Swann und die Seerosen der Vivonne und all die Leute aus dem Dorf und ihre kleinen Häuser und die Kirche und ganz Combray und seine Umgebung, all das, was nun Form und Festigkeit annahm, Stadt und Gärten, stieg auf aus meiner Tasse Tee.

Plötzlich strömte Licht in die düstere Welt des Romans – es gelang dem Ich-Erzähler dank des Geschmacks einer in Lindenblütentee eingetauchten Madeleine, sich an sein Leben zu erinnern. Die Schilderung dieser unwillkürlichen Erinnerung stellte alles in den Schatten, was ich bis dato gelesen hatte. Jeder Mensch kennt solche Formen von Déjà-vus, Erinnerungen, die uns dank einer sinnlichen Wahrnehmung ereilen wie ein Blitzschlag – ein flüchtiger Duft, eine längst vergessene Melodie oder eben ein bestimmter Geschmack. Aber ich hatte das noch nirgends so erzählt gesehen wie bei Proust. So erschloss sich mir auch im Nachhinein die Bedeutung der ersten sechzig Seiten des Romans: Wie aus einer dunkel wabernden Ursuppe entsteht nach und nach die nach Weißdorn und Flieder duftende Welt der Kindheit des Ich-Erzählers. Das Ganze kam mir auf einmal vor wie eine profane Version der biblischen Schöpfungsgeschichte: Es werde Licht!

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Ich war dankbar, den weiteren Verlauf des Romans unter kundiger Anleitung lesen zu dürfen. Vieles wäre mir sicher entgangen. Mich irritierte die verstörende Szene mit Mademoiselle Vinteuil und ihrer lesbischen Freundin, die sich so unvermittelt während eines Spaziergangs des jungen Ich-Erzählers durch die sommerlich blühende Gegend von Méséglise ereignete. Ich bewunderte die ausufernden Beschreibungen der üppigen Weißdornhecken in ihrer gesamten Pracht, aber mir erschloss sich noch nicht deren Geheimnis, von dem öfters die Rede war. Die Liebesgeschichte von Swann und Odette fand ich quälend, da sie meine romantischen Vorstellungen von der großen Liebe nachhaltig erschütterte. Wenn tatsächlich die Liebe nur durch Eifersucht am Leben erhalten wird, wozu es dann überhaupt versuchen?

Nach dem sehr intensiven Proust-Seminar mit nur wenigen Teilnehmern beschloss ich weiterzulesen. Ich erlebte somit kurz vor der Jahrtausendwende meinen ersten Proust-Sommer. Ich lernte durch die Augen des Ich-Erzählers, den ich fortan Marcel nannte, die mondänen Badeorte der Normandie kennen sowie die aristokratischen Pariser Salons der Belle Époque. Auch erweiterte sich mein ‚Bekanntenkreis‘ um die burschikose Albertine und ihre Mädchengang, um den stets gehetzten Marquis de Saint-Loup, dessen Schönheit im Rahmen seines ersten Auftritts mit der Botticelli-Venus in Verbindung gebracht wird, sowie um den – zumindest in Marcels Anschauung – völlig rätselhaften Baron de Charlus. Sie alle sollten für die nächsten Monate meine treuen Begleiter werden. Je weiter meine Lektüre voranschritt, umso mehr neue Facetten des Romans entdeckte ich. Im längsten der sieben Bände, Le Côté de Guermantes, bemerkte ich erstmals, dass Proust auch durchaus Humor hatte, während er die teils schrulligen Marotten des Adels porträtierte. Diese Seite war mir bis dato verborgen geblieben. Auch lernte ich, den Einschätzungen Marcels zu misstrauen – mir war schon nach Lektüre des zweiten Bandes klar, dass Charlus keineswegs ein Spion, Hoteldieb oder Geisteskranker war, sondern ein alternder Homosexueller, dem junge Männer wie Marcel gefielen. Die groß angelegte Epiphanie zu Beginn von Sodome et Gomorrhe konnte ich daher nicht nachvollziehen. Umso erhellender fand ich die sich daran anschließenden Reflexionen zum Bild der Homosexuellen zur Zeit der Jahrhundertwende. Auch kamen mir die Ausführungen zum Thema Geschlecht und dessen Performanzen unerhört modern vor. Dass der Mensch, Proust zufolge, seine Geschlechtsidentität je nach seinem aktuellen Umfeld auf unterschiedliche Weise performt, faszinierte mich so sehr, dass ich beschloss, darüber meine Magister-Arbeit zu schreiben. Letztlich war es auch meiner Proust-Lektüre geschuldet, dass ich meinen Plan, Französischlehrer zu werden, aufgab und Literaturwissenschaftler werden wollte. Ich hatte mit Walburga Hülk und Volker Roloff an der Universität Siegen zwei ausgezeichnete Lehrer und Proustianer, die mich in diesem Vorhaben vorbehaltlos unterstützten.

Als ich mich im Frühjahr 2000 nach den beiden quälenden Albertine-Bänden langsam aber sicher auf das große Finale der Recherche – so nennen die ‚Eingeweihten‘ Prousts Roman – zubewegte, erlebte ich ein Wechselbad der Gefühle. Zunächst war ich unendlich dankbar für die Lektüre dieses in vielerlei Hinsicht so einzigartigen Romans. Dann war ich auch ein bisschen stolz, diesen Brocken hinter mich gebracht zu haben. Zuletzt befiel mich aber eine gewisse Trauer angesichts des Wissens, dass es nun bald vorbei sein würde mit meinem ganz persönlichen Proust-Jahr. Spätestens mit dem gewohnt nicht unbedingt kurzen letzten Satzmonstrum.

Immerhin würde ich es zuallererst nicht unterlassen, wenn die Kraft mir lange genug erhalten bliebe, um mein Werk zu vollenden, darin die Menschen, auf die Gefahr hin, daß sie dann monströsen Wesen glichen, als Figuren darzustellen, die neben dem so beschränkten Platz, der ihnen im Raum reserviert ist, einen anderen, so beträchtlichen, im Gegensatz zum ersten maßlos in die Länge gezogenen Platz einnehmen, der sie ja, wie in die Tiefe der Jahre getauchte Riesen, gleichzeitig so weit voneinander entfernte Epochen berühren, die sie durchlebt haben und zwischen die sich so viele Tage geschoben haben – einen Platz in der Zeit.

Ich sollte mich täuschen. Es war keineswegs vorbei. Nach der Lektüre der Recherche begann ich mit meinen eigenen Recherchen. Ich las begierig nahezu alles über Proust und sein Werk, was die Universitätsbibliothek zu bieten hatte: Die zweibändige Biografie von George D. Painter, Erich Köhlers gehaltvolles Proust-Büchlein, Deleuzes semiotische Lesart der Recherche und die zahlreichen Studien der Siegener Proustianer. Zuletzt stieß ich auf den frisch ins Deutsche übersetzten Essay Wie Proust Ihr Leben verändern kann des Schriftstellers Alain de Botton. Allein der Titel dieser „Anleitung“ sprach mich sofort an. De Botton zeigt in neun Kapiteln, welche Lern-Effekte die Lektüre Prousts auf seine Leser haben kann: richtig lesen zu lernen, sich mehr Zeit zu nehmen, Freundschaften zu pflegen oder in der Liebe glücklich zu werden (sic!). Man würde heute in bestem Bologna-Sprech von Kompetenzerwerb sprechen. Viele der aufgelisteten Kompetenzen konnte ich für mich in Anschlag bringen: Ich konnte tatsächlich besser lesen, sah auch die Welt – vor allem Paris und die Natur – mit verändertem, ja geschärftem Blick und konnte sogar bisweilen „erfolgreich leiden“, wie es im vierten Kapitel beschrieben wurde.

Aber es gab noch andere Dinge, die ich der Lektüre Prousts zu verdanken habe und die tatsächlich mein Leben verändert haben. Zum einen wäre ich wohl, wie bereits angedeutet, ohne Proust niemals Literaturwissenschaftler geworden. Die intensive Lektüre, die einem als Leser einiges an Durchhaltevermögen abverlangt und viele Stunden der Einsamkeit, ist mit der Lektüre anderer Werke kaum vergleichbar. Man muss sich Proust regelrecht ‚erarbeiten‘, wird dafür aber reichlich entlohnt. Ab und zu verliert man sich auch mal in diesen mäandernden Satzgebilden und büßt die Orientierung in Raum und Zeit ein. Das gehört aber durchaus zum Programm, das nicht nur eine reine Lektüre des Textes erfordert, sondern immer zugleich auch ein gründliches Nachdenken über das Gelesene. Wenn man sich auf diese zuweilen recht anstrengende Art des Lesens einlässt, kommt man nicht umhin, sich immer auch selbst zu lesen, wie es Proust am Ende der Recherche für den idealen Leser formuliert hat:

In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit dieser erkennen möge, was er in sich selbst sonst vielleicht nicht hätte erschauen können. Daß der Leser das, was das Buch aussagt, in sich selbst erkennt, ist der Beweis für die Wahrheit eben dieses Buches.

Kaum ein literarisches Werk, so zumindest mein Eindruck, schärft die Sinne so sehr, wie es die Recherche vermag. Noch die unscheinbarsten Nebensächlichkeiten, wie die Haptik eines Kopfkissens, das Schlagen einer Glockenturmuhr oder das Stolpern über einen unebenen Pflasterstein können in diesem Universum der radikalen Subjektivität als erkenntnisstiftende Stimuli dienen, die dem Leben mitunter eine ganz neue Wendung verleihen. Nichts weniger vermag die Lektüre Prousts. Sie lehrt uns, das Leben bis hinein in die kleinsten Verästelungen und Kontingenzen zu lesen. Man muss sich nur darauf einlassen.

 

Wieder lesen

Im Laufe der Jahre hatte ich mich neben Proust mit besonderer Vorliebe den französischen Klassikern des 19. Jahrhunderts zugewandt, die zumeist dem Realismus zugeordnet werden. Mich faszinierte vor allem der ausladende literarische Größenwahn Balzacs: rund neunzig Romane und Erzählungen, dreitausend Figuren und das alles in gerade mal zwanzig Jahren Schaffenszeit. Aber auch Zolas überbordende Sozialgeschichte des Second Empire beindruckte mich ungemein. Je mehr ich lesend in diese Universen eintauchte, desto mehr versuchte ich, sie ins Verhältnis zu Proust zu setzen, was wahrlich ein schwieriges Unterfangen darstellt. Vergleicht man nämlich Prousts Recherche mit den großen Romanzyklen des 19. Jahrhunderts, also mit Balzacs Comédie Humaine oder Zolas Rougon-Macquart-Serie, müssen solche Gegenüberstellungen zwangsläufig zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. So wie Balzac seinen historischen Fokus auf die Epoche der Restauration legte und Zola die Zeit des Zweiten Kaiserreichs ins Visier nahm, so liefert auch Proust das Panorama einer ganzen Epoche, nämlich der ‚schönen‘, der Belle Époque. Alle drei Autoren streben somit mit ihren opulenten Werken nichts weniger an als groß formatierte literarische Weltenentwürfe. So betrachtet erhält im Falle Prousts die Assoziation des Romananfangs mit einer Schöpfungsgeschichte durchaus eine gewisse Beglaubigung – ein Eindruck, der freilich durch die Aufteilung der Recherche in sieben Bände noch forciert wird. Hier endeten für mich allerdings schon die Gemeinsamkeiten – zumindest wenn man das ‚Große und Ganze‘ betrachtet.

Balzac, den Proust sehr schätzte und dem er in der Recherche einige Ehrbekundungen erweist, wählt als Perspektivträger den klassischen, allwissenden und daher gottgleichen Erzähler,der ‚seine‘ Welt gleichsam von oben betrachtet und der, so scheint es, alle Fäden in der Hand hält. Wie ein Kameraauge schwebt Balzacs Erzähler durch die Straßen von Paris und hält nahezu alles fest, was ihm vor die Linse kommt: Häuser und Kutschen, die mondänen Interieurs des Faubourg Saint-Germain, die bescheidenen Bleiben der prekären Künstler, Garderoben und Gesichter. Balzacs ‚Realismus‘ ist oft als präfilmisch beschrieben worden, da er sehr stark auf das Visuelle ausgerichtet ist. Besonders eindrücklich lässt sich das in der Anfangssequenz des Père Goriot beobachten, als der Erzähler in Form eines Zooms zunächst das Viertel des Hauptschauplatzes, der Pension Vauquer, beschreibt, dann eine Kamerafahrt durch die Straße unternimmt, an deren Ende sie liegt, und schließlich, einem Drohnenflug gleich, die einzelnen Etagen des Gasthauses mitsamt seinen Bewohnern auskundschaftet. Schnell wird deutlich, dass die Gäste der Pension einen repräsentativen Querschnitt durch die Pariser Gesellschaft darstellen, der im weiteren Verlauf des Romans noch durch die Stadtpalais des Adels komplettiert wird. Der Protagonist Eugène de Rastignac wird innerhalb dieser sozialen Polarität zum Wanderer zwischen diesen Welten und ermöglicht solcherart – als Verkörperung des Arrivisten-Typus – Einblicke in beide Milieus. Balzacs literarischer Weltentwurf, mithin sein Realismus, funktioniert demnach vor allem durch erzählerische Visualität und soziale Repräsentativität.

Ganz anders Proust. Schon der erste Satz des Romans führt einen Ich-Erzähler ein, der den Leser keineswegs schützend an die Hand nimmt und ihm ‚seine‘ Welt vermittels objektiver Beschreibungen nahebringt. Die Suche nach der verlorenen Zeit startet vielmehr als Reise ins Ich. Mit dem unbestimmten Ich – wir kennen weder sein Alter noch seinen Beruf noch seinen Ort – wandeln wir orientierungslos im Dunkeln auf der Schwelle von Schlaf, Wachsein und Traum, erkunden die Zonen zwischen den Eindrücken des Buchs, das der Ich-Erzähler vor dem Zubettgehen aus der Hand gelegt hat, und den ersten Traumbildern und hoffen mit dem leidenden Schlaflosen auf das baldige Ende der Nacht. Wir wälzen uns mit ihm im Bett hin und her und fühlen uns je nach Körperposition vage an frühere Nächte erinnert. Erinnerungsfetzen wirbeln im unbestimmten Nebel des nächtlichen Wachseins durcheinander, bis sich aus diesem Strom bewegter Bildfragmente nach und nach eine Szene herauskristallisiert, die zwar immerhin kohärent erinnert wird, sich aber als ebenso quälend behauptet wie das zuvor geschilderte Leid des Schlaflosen.

Wenn man sich das Glück und die Muße gönnt, sich die Recherche nach der Erstlektüre ein weiteres Mal vorzunehmen, versteht man, dass die Episode des Schlaflosen so etwas darstellt wie die Ouvertüre zum gesamten Roman: Alle großen Themen, die in der Folge noch ausführlich behandelt  werden, sind bereits in nuce vorhanden: Zeit und Erinnerung, Liebe, Eifersucht und Erotik – hier noch ödipal angebunden an die Mutter –, die Ästhetik des Unbestimmten und vor allem die radikale Subjektivität, die wohl in besonderer Weise die unerhörte Modernität des Romans ausmacht.

Auch wenn Prousts moderne Reise ins Ich auf den ersten Blick kaum weiter entfernt sein dürfte von Balzacs Streifzügen durch das Paris des frühen 19. Jahrhunderts, wurde mir im Rahmen meiner wiederholten Proust-Lektüren immer deutlicher, dass sich beide Welterkundungen gewissermaßen doch an einem gemeinsamen Fluchtpunkt treffen – so wie der erwachsene Marcel in Le Temps retrouvé erkennen muss, dass sich die beiden vermeintlich entgegengesetzten Spaziergänge seiner Kindheit nach den Seiten von Méséglise und Guermantes wider Erwarten irgendwann doch an einem Punkt treffen. Ich möchte zur Beschreibung dieses gemeinsamen Fluchtpunktes von Balzac und Proust den vielleicht überstrapazierten Begriff des ‚Realismus‘ heranziehen. Auch wenn prominente Literaturwissenschaftler wie Rainer Warning davor gewarnt haben, den Realismus-Begriff auch für die kanonischen Autoren des 19. Jahrhunderts allzu naiv zu verwenden, und Balzac selbst durchaus auch Romane geschrieben hat, die seinem Selbstverständnis als ‚Sekretär der französischen Gesellschaft‘ zuwiderlaufen, gilt der Schöpfer der Comédie Humaine doch immer noch als mustergültige Verkörperung dessen, was einem in sämtlichen Literaturgeschichten als ‚realistische Schule‘ begegnet. Aber Proust? Ein Realist?

Für mich ist Proust tatsächlich einer der größten Realisten der Weltliteratur, wenngleich nicht im nach außen gewendeten Sinn einer Fotokamera oder eines Stendhal’schen Spiegels. Prousts Realismus ist radikal nach innen gerichtet und spürt noch den feinsten Nuancen der subjektiven Wahrnehmung nach, den Irrungen und Wirrungen der menschlichen Psyche – und des menschlichen Herzens (interessanterweise wollte er seinen Roman ursprünglich Les Intermittences du cœur nennen). Proust schildert daher die Außenwelt – etwa die Salons des Hochadels oder Jupiens Männerbordell – nicht im Bemühen um eine objektive Darstellung, sondern immer durch den extrem subjektivierten, künstlerisch überformenden Wahrnehmungsfilter seines Erzähler-Ichs. Er reagiert damit ganz offenkundig auf eine allgemeine Krise der Mimesis, die um die Jahrhundertwende nicht zuletzt unter dem Eindruck neuer Abbildungsmedien allerorten spürbar wird. Der Siegeszug von Fotografie und Film als Medien der vermeintlich perfekten, wirklichkeitsgetreuen Abbildung bereitete nicht nur der Malerei den Weg in die Abstraktion, sondern ließ auch die Literatur immer experimentierfreudiger werden. Proust reagierte, so mein Eindruck, auf diese Krise des objektiven Realismus mit der Flucht in die Introspektion. Auch hier lässt sich die Einstiegsszene heranziehen: Wer hat nicht in seinem Leben jemals an Einschlafschwierigkeiten gelitten? Wer kennt nicht das Gefühl, dass die Lektüre, über der man eingeschlummert ist, in den ersten Träumen weiterlebt? Wer hat sich nicht schon einmal gefragt, warum ein bestimmter Geruch oder ein Geschmack dazu imstande ist, in uns ein ungekanntes Glücksgefühl hervorzurufen? Eigentlich allesamt banale Dinge, die Proust jedoch auf eine solch idiosynkratische Weise nachzeichnet, wie wir alle es selbst womöglich niemals könnten.

Damit komme ich am Ende noch einmal auf Prousts Bild des idealen Lesers zurück, ist es doch meines Erachtens erst jener subjektive Realismus, der uns dazu befähigt, zu Lesern unserer selbst zu werden. Ob Proust uns auch dazu befähigt, uns besser zu verstehen, mag durchaus bezweifelt werden. Aber er leitet uns dazu an, die Welt und damit möglicherweise uns selbst mit anderen, wacheren Augen zu sehen und am Ende die richtigen Fragen zu stellen. Und die betreffen letzten Endes immer auch unsere Vorstellung dessen, was denn eigentlich realistisch ist, ja was die Wirklichkeit ist. Für Proust war sie eher das, was sie mit uns macht, welchen Eindruck sie auf den Wunderblöcken unserer Erinnerung hinterlässt. Die Lektüre der Recherche, so viel steht fest, macht immer auch etwas mit ihren zahlreichen Lesern und Leserinnen – niemand geht wohl unverändert daraus hervor. Insofern bilde ich mir nicht ein, der Einzige zu sein, dessen Leben Proust verändert hat. Aber das Wesen dieser Veränderung gehört mir ganz allein. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mon cher ami.

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