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Dass Pierre Bourdieu auf dem Weg zu seinem Habitus-Konzepts auf Vorarbeiten von vielen Wissenschaftlern zurückgreifen konnte, ist nicht weiter verwunderlich. Tatsächlich hat der Begriff eine lange Vorgeschichte, die ins Mittelalter, gar in die Antike zurückreicht. Ist man mit dem Bourdie(u)universum noch nicht ganz so vertraut, mag man sich angesichts der folgenden Entdeckung allerdings verdutzt die Augen reiben: Unter den Vordenkern des Habitus haben nicht nur Philosophen wie Aristoteles und Edmund Husserl, Theologen wie Thomas von Aquin, Anthropologen wie Marcel Mauss oder Soziologen wie Max Weber und Émile Durkheim ihren wohlverdienten Platz, sondern auch ein Kunsthistoriker: Tatsächlich hat Erwin Panofskys Gothic Architecture and Scholasticism (1951) eine zentrale Rolle für Bourdieus Versuch gespielt, den Zusammenhang zwischen Praxis und Struktur neu zu denken. Der französische Soziologe hat dessen Buch für seine Reihe „Le sens commun“ übersetzt, die ihm vom Verlagshaus Les Éditions de Minuit anvertraut worden ist. Sie erschien 1967 in veränderter Form unter dem Titel Architecture gothique et pensée scolastique. Vor dem Hintergrund seiner ethnosoziologisch gewonnenen Erkenntnisse aus Algerien und dem Béarn hat Bourdieu die französische Ausgabe mit einem Nachwort versehen, in dem er Panofsky auf sein Habitus-Konzept hin liest.
Für Bourdieu ist der Habitus bekanntlich eine Art Motor, der die Regelmäßigkeit sozialen Handelns erklärt. Er vermittelt anders gesagt zwischen Individualität und Kollektivität. Diesen scholastischen terminus technicus verwendet Panofsky ebenfalls in seinem Buch, um den Zusammenhang zwischen mittelalterlicher Philosophie und der gotischen Architektur herauszuarbeiten. Bourdieu erklärt in seinem Nachwort, das in Zur Soziologie symbolischer Formen (2020) [1973] wiederabgedruckt wird: „Was Erwin Panofsky der je konkreten und besonderen Textur entnehmen möchte, als die er die gotische Kathedrale und die SummaTheologiae auffaßt, ist letzten Endes […] der modus operandi, der es ermöglicht, sowohl die Gedanken des Theologen wie die Bauformen des Architekten hervorzubringen, und somit der Zivilisation des 13. Jahrhunderts Einheit verleiht.“ Der Habitus ist demnach das kulturell geformte Unbewusste, das sowohl die theologischen Studien als auch die gotische Struktur hervorbringt.
Grund genug für die beiden Sozialwissenschaftler Étienne Anheim und Paul Pasquali, die Beziehung zwischen Bourdieu und Panofsky näher in den Blick zu nehmen. Ausschlaggebend dafür ist der bis dato unveröffentlichte Briefwechsel der beiden Wissenschaftler. Darauf gestützt wollen Anheim und Pasquali, anders als vielleicht zu erwarten wäre, allerdings nur am Rande darlegen, wie genau Panofsky Bourdieu beeinflusst hat. Stattdessen beanspruchen sie einen Beitrag zu einer archäologischen Intellektuellengeschichte der 1960er Jahre zu leisten. Anders gesagt verfolgen sie das Ziel, im Spiegel der Rekonstruktion der Korrespondenz und der Rezeption von Architecture gothique et pensée scolastique aufzuzeigen, wie Pierre Bourdieu wird. Im Anschluss an dessen relationalen Ansatz bedeutet dies, die Feldlogiken innerhalb des philosophischen bzw. wissenschaftlichen Feldes anhand der Beziehungen zwischen Bourdieu und Panofsky, zwischen Bourdieu und Les Éditions de Minuit, zwischen Bourdieu und der Universität zum Ausgangspunkt ihrer Analyse zu machen.

Ihr eigenes Verfahren bezeichnen Anheim und Pasquali dabei als archäologisch, grenzenes aber von Foucaults Wissensarchäologie ab, der die diskursiven Wandlungen von Wissen über drei Jahrhunderte in seiner Studie Les mots et les choses(1966) untersucht hat: Anheim und Pasquali wenden Archäologie nämlich im Sinne Bourdieus feldtheoretisch. Bourdieu hatte Foucaults Diskursanalyse einst mit dem Verweis kritisiert, dass sie den platonischen Idealismus fortsetze: Foucault verlege die Wirklichkeit in den Ideenhimmel und blende die konkreten Akteure, ihre Praxis, ihre Kämpfe um soziale Stellungen vollständig aus. Diskurse sind anders gesagt nicht abzulösen von den Menschen, die diese verkörpern, hervorbringen oder verändern. Auf diese Kritik Bezug nehmend, rekonstruieren Anheim und Pasquali die Relationen im wissenschaftlichen Feld unter besonderer Berücksichtigung der wissenschaftlichen Praktiken: kontaktieren, kommentieren,übersetzen, herausgeben. Sie scheinen Bourdieus Kritik an Foucault zu teilen.
Bourdieu et Panofsky. Essai d’archéologie intellectuelle überzeugt vor allem, weil die beiden Autoren den feldtheoretischen Ansatz kompromisslos anwenden. So fächern Anheim und Pasquali das wissenschaftliche Feld der 1950er und 1960er Jahre auf,u m den espace des possibles von Bourdieu zu skizzieren – ihr Buch liest sich folglich als wertvolle Ergänzung zu Bourdieus Esquisse pour une auto-analyse (2004), die erst posthum erschienen ist. Darin hatte Bourdieu sich selbst objektiviert und erklärt, wie er zu Beginn der 1950er Jahre seinen eigenen Weg im wissenschaftlichen Feld gegangen ist. In seinem Selbstversuch kommt er übrigens nur am Rande auf seine Übersetzung von Panofsky zu sprechen.
Eben jene Leerstelle nutzen Anheim und Pasquali, um aufzuzeigen, dass der Bezug auf Panofsky für Bourdieu eine feldimmanente Möglichkeit bietet, um sich von einem allzu strikten Strukturalismus abzugrenzen. Gerechtfertigt wird diese Überlegung durch Bourdieus instruktives Nachwort, das die Vertreter des Strukturalismus kaum benennt. (Ver-)Schweigen ist, so lässt sich konstatieren, nicht nur Gold, sondern für Anheim und Pasquali durch und durch aufschlussreich.
Bourdieus Entdeckung von Panofsky fällt, wie die beiden betonen, jedoch nicht einfach vom Himmel, sondern ist im wissenschaftlichen Feld, das die deutsche Philosophieins besondere in ihrer kulturwissenschaftlichen Ausrichtung rezipiert, tatsächlich vorgezeichnet: „La découverte puis la promotion de Panofsky par la générationde Bourdieu s’inscrivait donc aussi dans cette histoire intellectuelle“ (40) [„die Entdeckung, dann die Bekanntmachung von Panofsky durch die Generation Bourdieus schrieb sich in diese Geistesgeschichte ein“]. Tatsächlich stößt Bourdieu bereits in seinem Studium an der École Normale Supérieure, vermittelt durch Merleau-Ponty, auf Panofsky – und Ernst Cassirer, den Neukantianer aus Deutschland, dessen Theorie der symbolischen Formen für seine konzeptuelle Entwicklung ebenfalls wichtig ist.
Faszinierend ist zudem, dass Anheim und Pasquali deutlich machen, dass Übersetzen und herausgeben keine ‚one man show‘ sind. Autorengewinnung, Aushandlung von Konditionen und die Erstellung von Korrekturfahnen lagen nicht allein in der Hand von Bourdieu – ohne ein Team aus Kollegen und Sekretärinnen wäre das Mammutprojekt „Le sens commun“ kaum möglich gewesen. Aus dieser Perspektive betrachtet trifft sich Bourdieu et Panofsky mit den Arbeiten von Franz Schultheis, der stets den kollektiven Forschungsgeist von und um Bourdieu betont hat.
Zuden lesenswerten Kapiteln zählen zudem die Rekonstruktionen der verschiedenen Rezeptionswellen von Bourdieus Übersetzung in Frankreich. Dabei erklären Anheim und Pasquali die teils vernichtenden Kritiken an Bourdieus Ausgabe aus den feldimmanenten Kämpfen: So liest sich Chastels Verunglimpfung als Strategie der Grenzziehung: Von einem zur Ethnosoziologie konvertierten ehemaligen Philosophen will sich der Kunsthistoriker nicht sagen lassen (müssen), wie Panofsky zu interpretieren sei.
Abschließend steht fest: Anheim und Pasquali ist ein wertvoller Beitrag zur Entmythifizierung der 1960er Jahre gelungen. Tatsächlich gilt dieses Jahrzehnt, in dem der Anthropologe Lévi-Strauss und der (Ideen-)Historiker Foucault den Ton angeben, nach wie vor als ‚goldenes Zeitalter‘ der Humanwissenschaften, das nostalgisch beschworen wird. Indem sie in das Verhältnis zwischen Bourdieu und Panofsky reinzoomen, machen sie die Logiken hinter der Zirkulation von Ideen und Publikationen deutlich. Sie zeigen, wie Autoren und auch Herausgeber im bzw. vom Feld der Wissenschaft sowie der Verlage gemacht werden.
Étienne Anheim / Paul Pasquali (2025): Bourdieu et Panofsky. Essaid’archéologie intellectuelle suive de leur correspondance inédite. Paris: Les Éditions de Minuit, 286p.
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