


Was für ein packendes Buch: ein Panorama der europäischen Geschichte von der Russischen Revolution bis heute, ein russisch-georgisch-französisches Familienepos über vier Generationen, eine Huldigung des guten Sohnes an seine Eltern, ein Buch für seine beiden Schwestern. Der Titel – die Bezeichnung für einen bäuerlichen, kollektiv bewirtschafteten Großbetrieb in Russland und in der Sowjetunion – bezieht sich vordergründig auf den in mehrfacher Hinsicht großen Familienbetrieb, klärt sich jedoch im Verlauf des Romans auch als Codewort für ein intimes Ritual. Kolkhoze war 2025 das meistgelesene Buch in Frankreich und zugleich der große Verlierer bei der Vergabe des Goncourt-Preises.
Es beginnt am 3. Oktober 2023 mit dem nationalen Trauerakt für Emmanuel Carrères Mutter, Hélène Carrère-d’Encausse, die am 5. August im Alter von 94 Jahren verstarb. Staatspräsident Emmanuel Macron zeichnet im Invalidendom in seiner flamboyanten Rede das Leben der Verstorbenen nach, durch „deren Blut die europäischen Flüsse“ gingen; fünf Träger stellen das Foto dieser bemerkenswerten Frau auf eine Staffelei, drei weitere tragen auf einem roten Samtkassen ihr Schwert, ihren Zweispitz und die Insignien des Großkreuzes der Ehrenlegion. Wer war diese Frau?
In Kolkhoze wird im Anschluss an diese Ouvertüre das Leben der Hélène Carrère-d‘Encausse im Rückblick auf ein Jahrhundert europäischer Geschichte erzählt, in das analeptische Verfahren mischen sich Szenen aus dem aktuellen Leben des Autors – Frauen, Kinder, Lektüren, Film- und Musikerlebnisse –, essayhafte Passagen und Reiseberichte.

1917 in den Wirren der russischen Revolution heimatlos geworden, kommt die plötzlich verarmte Familie 1921 fast nach Frankreich. 1929 wird Hélène als Tochter eines georgischen Vaters mit Namen Zourabischvili und einer Mutter mit Vorfahren aus deutsch-baltisch-russischem Adel geboren. Die Geburtsurkunde mit dem Vermerk „staatenlos“ befeuert den Wunsch der jungen Hélène, perfekt Französisch zu lernen und dazuzugehören. Was ihr auf ihrem erstaunlichen Lebensweg und in einer einzigartigen Karriere durch Intelligenz, eiserne Selbstdisziplin, Resilienz sowie die Einheirat in die aus dem Heilbad Encausse am Fuße der Pyrenäen stammende, urfranzösische („de souche“) Musikerfamilie Carrère Dencausse gelingt. Sie wird französische Staatsbürgerin, studiert an renommierten Hochschulen (Sorbonne und Sciences Po), promoviert, wird Professorin, mit Preisen ausgezeichnet, bekommt drei Kinder, wird Académicienne auf dem Sitz Nr. 14, den Pierre Corneille und Victor Hugo innehatten.
Gipfelpunkt ihres Lebens ist 1999 die Ernennung zum Ständigen Sekretär der Académie Française, die weibliche Form lehnte sie stets ab. Sie ist die erste Frau der 1635 auf Anregung des Kardinals Richelieu gegründeten Institution von Gelehrten, denen zuvörderst die Wahrung der französischen Sprache obliegt. Dass auch unter ihrer Ägide das Wörterbuch nicht vollendet wurde (anders als der Präsident es ihr nachruft), ärgerte sie, Unvollendetes war ihr ein Graus. Auf den Spitzenposten erhoben, bezieht sie mit ihrer Familie die luxuriöse Dienstwohnung am Quai de Conti im abgeschlossenen Bereich des Institut de France gegenüber dem Louvre und bereitet sich auf die Aufgaben der Académie sowie die Dauerpräsenz auf Empfängen, bei kulturellen und staatlichen Zeremonien und in der breiten Öffentlichkeit vor. Als Expertin für die Politik der Sowjetunion und die Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert, als Biografin Lenins und Stalins sowie Autorin des Buches L’Empire éclaté (1978), in dem sie das Ende der Sowjetunion voraussagte, ist sie eine gefragte Historikerin und Interviewpartnerin, versagt aber zuletzt, noch wenige Tage vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine, als vermeintliche Putin-Kennerin.
Wie die Geschichte aller großen Familien, nicht zuletzt der berühmten – man denke beispielsweise an das 2021 erschienene Buch La Familia grande von Camille Kouchner – hat auch die Familie Zourabischvili-Carrère-d’Encausse ihre Schattenseiten. Der Autor spürt den Lebenswegen seiner Vorfahren in der georgischen Hauptstadt Tbilisi (Tiflis) und in Russland nach, reist bis in abgelegene russische „Käffer“, entdeckt dort überall das Propagandasymbol Z und stößt bei der weitverzweigten und schillernden Familie „mit Einwanderungsgeschichte“ auf Dokumentiertes, Erzähltes und Verschwiegenes: die glücklose Musikerkarriere des Bruders der Mutter, Nicolas, dem er selbst besonders nahe steht; die erfolgreiche Karriere ihrer jungen Cousine Salomé Zourabischvili, die geogische Staatspräsidentin wurde, doch stets herablassend von Hélène behandelt wurde, der die georgische Herkunft peinlich war; der Großvater väterlicherseits, der mit den Nazis kollaborierte, die Affäre der Mutter mit einem französischen Diplomaten und die Andeutungen von einem attraktiven afghanischen Soldaten, der offenbar vorhatte, sie zu entführen. Da die Mutter jedoch ihrem Sohn zufolge eine fabelhafte Lügnerin war, weiß man nicht genau, was wirklich stimmt. Jahre zuvor hatte Hélène Carrère-d’Encausse, Leserin John Grishams und Houellebecqs (der sich ihrem Bestreben einer Aufnahme in die Académie widersetzt), ihm verboten, ihre Familiengeschichte zu schreiben, im Roman russe (2007) klingt trotzdem vieles davon an. Nach seinem Erscheinen sprach die Mutter drei Jahre nicht mit ihrem Sohn, den sie vergötterte und auch als Über-Sechzigjährigen noch „mon petit chéri“ nannte.
Kolkhoze entstand nach dem Tod der Mutter. Erst jetzt schildert Carrère sehr persönliche Details aus ihrem Leben und dem der Familie. Den Schlaf sah Hélène Carrère-d‘Encausse als Ablenkung von der Arbeit an. Um als „Secrétaire perpétuel“ der Académie Française keine Spuren dieser lebensnotwenigen, doch lästigen Schwäche zu hinterlassen, geschieht in der Wohnung am Quai de Conti jeden Tag das Gleiche: Morgens zieht sie ihr Bettzeug von dem schmalen, harten Sofa ab, auf dem sie nächtigt, abends bezieht sie dieses Bett wieder. Louis Carrère, der Ehemann, steht im riesenhaften Schatten seiner berühmten Frau, die ihm das hintere Zimmer der Wohnung zugewiesen hat. Den Namen Dencausse hatte er zu d’Encausse verschönert, war als Führungskraft im Versicherungswesen tätig und betreibt nach seiner Pensionierung die Ahnenforschung der großen Familie, die durch Liebe, Schicksal und die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts zusammengebracht wurde. An die Stelle der Liebe sind für ihn längst Einsamkeit, für sie Bitternis getreten. Weder verzeiht sie ihm, dass sie ihn nicht für den Diplomaten verlassen hat, noch, dass eine Tochter nach einem von ihm verursachten Autounfall körperlich beeinträchtigt bleibt. Während die Tochter ihren Vater in Schutz nimmt, hält Hélène diesem bei jeder Gelegenheit sein Versagen vor – gaslighting nennt man das wohl.
Als es ans Sterben geht, verlässt Hélène Carrère-d’Encausse, vom Krebs gezeichnet, die Wohnung für ein luxuriöses Hospiz. Stets hatte sie ihren „guten Genen“ vertraut, wie Ernst Jünger (undVictor Hugo) kalte Bäder genommen und zuletzt ihrer Enkelin einzureden versucht, dass man in der Familie nie krank werde. Ihrem Mann teilt sie mit, für ein paar Tage zu verreisen, worauf die Kinder sie bedrängen, sich von ihm zu verabschieden. Jetzt fragt sich der Sohn, ob sie ihn wenigstens dieses eine Mal berührt hat.
Eine weitere intime Szene, die vielleicht größte Überraschung dieser an Überraschungen reichen Familiengeschichte, verbirgt sich im Titel. Sie zeigt die zärtliche Mutter, die man hinter der gegenüber anderen und sich selbst so harten Frau nicht vermutet hätte: Als die Kinder klein waren und nachts, wenn sie Angst hatten, zu Maman ins Bett kriechen durften, nannten sie das „faire Kolkhoze“. Daran erinnern sie sich, als sie zusammen am Sterbebett der Mutter sitzen, ihr ganz nah sind und gleichsam ein letztes Mal „Kolkhoze machen“.
Gegen Ende des Romans erwähnt der Sohn beiläufig, dass die Mutter ihm jedes Jahr zum Geburtstag einen Kaschmirpullover im Wert von 700 Euro schenkte, in marine oder beige, den einzig erhältlichen Farben. Eigentlich, schreibt er, kleide er sich bei Uniqlo ein. Sie selbst, die man in der Öffentlichkeit und zuhause stets in einem kleinen Chanel- oder Dior-Kostüm sah, trägt in der letzten Lebenswoche, zur Verblüffung ihrer Kinder, einen Hausanzug mit Leopardenmuster. Mit einem Blick auf Kleidung begann die Geschichte auch: Präsident Macron (den Carrère, wie er schreibt, als einer der wenigen im Land nicht hasst) eilt zum Staatsakt für Hélène Carrère d’Encausse, es ist ein kühler Herbsttag. Er aber trägt einen leichten taillierten Mantel, der Carrère frösteln und über die „Thermoregulation“ Macrons nachdenken lässt. Einmal, auf einer Reise in die karibischen Überseegebiete, an der er teilnahm, trug der junge Präsident ein weißes Hemd, das abends keine einzige Spur des wirklich sehr, sehr heißen und schwülen Tages erkennen ließ, während die Delegation bald nach der Ankunft schon durchgeschwitzt war. Kommentar des Ständigen Sekretärs der Académie Française: „Ein gut erzogener Mann transpiriert nicht.“
Wann bekommt Emmanuel Carrère, dieser stilistisch und erzählerisch brillante Autor, der seine Leser mit scharfsinniger Beobachtungsgabe, mit feinem Gespür für Distinktionen und mit emotionaler Wucht durch die choses de la vie und die große Geschichte führt, der in V13 mit Urteilskraft und Anstand den erschütternden Prozess gegen die Attentäter der Pariser Anschlagsserie vom 13. November 2015 protokollierte und nun ein großes europäisches Familien- und Geschichtsdrama geschrieben hat, endlich die verdiente Auszeichnung?
Emmanuel Carrère, Kolkhoze, Paris, P.O.L., 2025, 558 Seiten
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