Der lange Winter im leeren Haus

Laurent Mauvignier hat mit seinem Roman "La maison vide" völlig zurecht den Prix Goncourt gewonnen

Veröffentlicht am
3.3.2026
Gregor Schuhen

Gregor Schuhen

RPTU in Landau
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Der Winter dieses Jahr war besonders kalt und lang. Die meiste Zeit davon habe ich mit der Lektüre von Laurent Mauvigniers La maison vide verbracht, nachdem dieses 750-seitige Epos Anfang November mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet worden war. Ein paar Recherchen im Internet haben schnell gezeigt, dass dieser Roman sowohl von der Kritik als auch vom Publikum mit allerhöchstem Lob bedacht worden war – schon vor dem Goncourt hatte sich La maison vide in Frankreich 400.000 mal verkauft. Die Messlatte lag also sehr hoch, als ich es mir eines Abends mit diesem 630 Gramm schweren Wälzer auf dem Sofa bequem gemacht hatte.

Gleich der Prolog zieht einen in seinen Bann. Gemeinsam mit dem Autor und Erzähler Laurent Mauvignier betreten wir in der Gegenwart das ‚leere Haus‘, von dem wir erfahren, dass es sich noch immer im Familienbesitz befindet, es aber schon seit sehr langer Zeit unbewohnt ist. Darin stehen ein großer schwarzer Flügel sowie Kommoden mit Familienfotografien und allerlei anderen Erinnerungsstücken. Die Fotos zeigen seine Ahnen, wobei auffällt, dass ein Gesicht stets ausgeschnitten ist, nämlich das seiner Großmutter Marguerite. Damit steht von Anfang an eine Frage in diesem geisterhaften Interieur: Was ist wohl mit Marguerite passiert? Auf die Antwort müssen wir beinahe 700 Seiten lang warten, aber sie ist mit so viel Spannung belegt, so dass man sie nie vergisst.

Es geht in diesem Roman also um die Familiengeschichte des Autors, die er anhand von zwei Frauenfiguren erzählt: Zunächst steht die Ur-Großmutter Marie-Ernestine im Vordergrund, die in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts geboren wird. Sie ist die Tochter des reichen Bauern Firmin Proust und hat noch zwei Brüder, die ihr Vater jedoch enterbt, weil sie nicht seinen Vorstellungen des würdigen Erbfolgers entsprechen – der eine will Priester werden, der andere ist ein Taugenichts. Firmin schickt seine Lieblingstochter in ein katholisches Internat, wo Marie-Ernestine ihre Liebe zum Klavierspielen entdeckt und von ihrem Lehrer dazu ermutigt wird, nach dem Abschluss ans Konservatorium zu gehen. Am Tag, als die junge Frau nach dem Ende ihrer Internatszeit wieder nach Hause kommt, erfährt sie bereits vorab, dass ihr Vater für sie einen Flügel gekauft hat, was für Marie-Ernestine ihre herbeigesehnte Zukunft im Konservatorium noch um einiges strahlender erscheinen lässt. Allein, dazu wird es nie kommen. Ihr Vater hat andere Pläne für sie und verkündet ihr noch am selben Tag, dass sie den bei ihm beschäftigten Arbeiter Jules heiraten wird. Für Marie-Ernestine bricht buchstäblich eine ganze Welt zusammen. Der eigentlich nur sehr kurze Moment der väterlichen Ankündigung wird aus ihrer Perspektive über mehrere Seiten hinweg geschildert und gehört zu einem der bedrückendsten des gesamten Romans. Der ungeliebte Jules fällt gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs, doch aus der kurzen Ehe geht noch Marguerite hervor, die Marie-Ernestine ebenso wenig lieben wird wie ihren verstorbenen Gatten. So kommt es zwangsläufig dazu, dass die Tochter schnell auf die schiefe Bahn gelangt – wie genau diese aussieht, soll an dieser Stelle nicht verraten werden, um die anfangs erzeugte Spannung nicht zu zerstören.

Mauvignier gelingt mit La maison vide ein großes Familienfresko, das in seiner generationellen Abfolge tragischer Frauenschicksale vielleicht nicht zufällig an die Romane Émile Zolas erinnert. Ein sehr häufig verwendetes Wort ist „amertume“, was Bitterkeit bedeutet, und sämtliche Lebenswege der weiblichen (aber teils auch der wenigen männlichen) Hauptfiguren kennzeichnet: Die Großmutter litt unter dem patriarchalen Regiment ihres Mannes, insbesondere den sexuellen Übergriffen, die Tochter wird auf brutale Weise mit der Aussichtslosigkeit ihrer Träume konfrontiert und die Enkeltochter muss zeitlebens auf Zuneigung und mütterliche Wärme verzichten. Deren Sohn wiederum, also Mauvigniers Vater, bringt sich eines Tages um, als der Autor noch ein Kind ist. Diese Geschichte spielt aber im Roman nur in Andeutungen eine Rolle, Mauvignier bleibt bei den weiblichen Vorfahren. Die Kernhandlung endet damit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wenn eben schon der Name Zola auftauchte, muss man sich also zwangsläufig fragen, ob sich die Bitterkeit von einer Generation zur nächsten vererbt. Ja, das tut sie gewissermaßen, aber La maison vide ist dennoch keine reine Passions- oder Opfergeschichte. Jeder der drei Frauen gelingt es trotz aller Widrigkeiten immer wieder momentweise, ihre eigene Handlungsmacht zurückzuerobern. Marie-Ernestine etwa legt ihrem zweiten Ehemann eine Art Ehevertrag vor, der es in sich hat und ihr für den Rest des Lebens Eigenständigkeit garantiert. Marguerite setzt sich ebenfalls über geltende Konventionen hinweg, auch wenn der Preis dafür am Ende sehr hoch sein wird. Inhaltlich hat man bisweilen den Eindruck, als seien all diese Frauen dem Romanfundus des 19. Jahrhunderts entsprungen: hier ein bisschen Madame Bovary, dort ein bisschen Nana, Maupassant scheint auch nicht weit weg. Ganz anders wiederum sieht es beim Stil aus, der ganz klar in die klassische Moderne ausgreift. Wir haben es mit sehr langen Sätzen zu tun, die sich meist den inneren Befindlichkeiten der Frauenfiguren widmen – großartige, fast barocke Satzgebilde, die Tiefenbohrungen in den geschundenen Seelen der Heldinnen vornehmen. Mauvigniers in einem Interview geäußerte Abneigung gegen Satzendzeichen ist auf jeder Seite spürbar. Gleiches gilt für Dialoge – es gibt nur sehr wenige und sie fehlen auch nicht, da im leeren Haus ohnehin nur sehr wenig gesprochen wird. Es mutet beinahe wie ein ironisches Zitat an, dass der Ur-Ur-Großvater von Mauvignier ausgerechnet Firmin Proust heißt, aber es entspricht den beglaubigten Tatsachen. Der weitaus bekanntere Proust des 20. Jahrhunderts war bekanntermaßen auch ein großer Liebhaber ausufernder, mäandernder Syntax. Beiden, also Proust und Mauvignier, ist gemein, dass die Lektüren ihrer Romane den Lesern durchaus einiges an Arbeit abverlangen. Man liest sie nicht abends im Bett oder nebenbei in der Straßenbahn. Doch gilt für beide gleichermaßen, dass sich die Arbeit unbedingt lohnt. Mauvignier etwa ist der lebende Beweis dafür, dass – aller aktuellen Debatten um Identitätspolitik zum Trotz – auch Männer überaus ergreifende Frauenfiguren zum Leben erwecken können, die man ganz sicher nie wieder vergisst.

Mit Blick auf die Kulturszene der letzten Monate fällt auf, dass das Motiv des Hauses als Schauplatz düsterer Familiengeheimnisse sich gerade einer großen Beliebtheit erfreut. Der im letzten Jahr im Kino gelaufene Film In die Sonne schauen von Mascha Schilinski erzählt die Geschichte eines Bauernhofs in Ostdeutschland anhand von Frauenschicksalen über vier Generationen hinweg. Im Roman In ihrem Haus der israelisch-niederländischen Schriftstellerin Yael van der Wouden geht es wiederum um zwei Frauengenerationen in einem Haus in den Niederlanden der Nachkriegszeit. Beide Werke wurden in den Feuilletons mit allerhöchstem Lob bedacht. La maison vide wird erst Anfang 2027 in deutscher Übersetzung bei Matthes & Seitz erscheinen. Als jemand, der alle drei Geschichten kennt, bleibt mir am Ende nur zu sagen: Save the best for last.

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