Vom Leben als ,Citrange‘

Leïla Slimanis Auftakt der Familiensaga "Le pays des autres" (2020)

Veröffentlicht am
5.6.2022
Lars Henk

Lars Henk

Universität Koblenz-Landau
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In ihrer auf drei Teile angelegten Chronik des Lebens im ländlich geprägten Marokko nimmt uns die mit dem Prix de Goncourt ausgezeichnete Autorin Leïla Slimani mit auf eine literarische Reise zu den Wurzeln ihrer Familie.

Im ersten Teil widmet sich Slimani dem Porträt des Lebens von Mathilde und Amine Belhaj, die der Zweite Weltkrieg zunächst im Elsass zusammengeführt hat. Ihre Liebesgeschichte beginnt in Mathildes Heimatort, als der marokkanische, auf Seiten der Franzosen kämpfende Soldat Amine aus der deutschen Kriegsgefangenschaft entkommt und es ihn nach Mühlhausen verschlägt. Gegen Ende des Krieges wird die Hochzeit in der kleinen Kirche des Ortes gefeiert. Zu Gast sind jene, die die Schrecken des Krieges überlebt haben. Mit seiner Ehefrau kehrt Amine schließlich kurz danach nach Marokko zurück, wo er bereits vor Kriegsbeginn den Landbesitz seines Vaters geerbt hatte. Slimani lässt uns mit der ihr eigentümlich sanften Sprachgewalt, die den Leser wie von einem Zauber geleitet in ihren Bann zieht, an dem gemeinsamen Leben in der Nähe von Meknès, einer landwirtschaftlich geprägten Region Marokkos, teilhaben. Dabei gelingt es ihr, Familien- und Nationalgeschichte – ohne politische Wertungen – miteinander zu verbinden, sodass sich der Roman ohne große Lesepausen verschlingen lässt. Chapeau! Kein Zweifel besteht daran, dass Slimani für diesen Auftaktband sämtliche Lobeshymnen verdient, die sie über die französischen Grenzen hinaus in Deutschland erhalten hat.

Kein Bild vermittelt wohl eindringlicher die zentrale Erfahrung der Protagonisten als der 'Zitrangenbaum', der ,Citrange‘, den Amine Belhaj für seine Tochter Aïcha auf dem eigenen Landgut ,gepflanzt‘ hat. Als die siebenjährige Aïcha schließlich mitbekommt, dass in Marokko blutige Auseinandersetzungen zwischen Nationalisten, die die Unabhängigkeit des Landes anstreben, und den französischen Kolonialherren toben, fragt sie ihren Vater, zu welchem Lager sie gehören würden. Er antwortet ihr: „Nous, dit-il, nous sommes comme ton arbre, à moitié citron et à moitié orange. Nous sommes d’aucun côté.“ (358) [„,Wir‘, sagte er, ‚sind wie dein Baum, halb Zitrone, halb Orange. Wir gehören zu keiner Seite.‘“ (370)] Es ist just diese Erfahrung, zwischen zwei Stühlen zu sitzen, weder zu den Franzosen noch zu den Marokkanern zu gehören, fremd im Ausland bzw. eigenen Land zu sein, die Slimanis Roman in stets größer werdenden konzentrischen Kreisen verhandelt und an den einzelnen Figuren durchexerziert. Es zählt unbestritten zu den großen Vorzügen des Romans, dass Slimani den Widersprüchen, den Sorgen und Nöten ihrer Protagonist*innen unnachahmlich und überzeugend nachspürt. Sie strotzen vor einer authentischen Lebendigkeit – etwas eingeschränkt gilt dies für Tochter Aïcha, der Slimani zu Beginn ihres Schullebens Gedanken in den Kopf legt, die ein Schulkind wohl nicht denken würde.

Die marokkanisch-französische Familie führt, wie sie uns anschaulich macht, die Existenz des besagten ,Citrange‘: Vor allem Mathilde ist die Fremde in Marokko, die sich auf dem Landgut ein neues Leben aufbauen muss und dabei vom entbehrungsreichen Alltag auf die Probe gestellt wird. Amine, ihr Geliebter, ihr Ehemann, der Vater ihrer Kinder, ist nicht länger Soldat im Dienst der französischen Armee, sondern Landwirt. Mathilde, die schöne Elsässerin, bemerkt, dass er in Marokko nicht mehr derselbe Mann ist, ja, nicht mehr derselbe Mann sein kann: Seine Gesichtszüge und Gedanken sind angesichts der harten, von Erfolglosigkeit geplagten Arbeit düster geworden. Amine liegt nicht mehr am Ufer des Rheins neben ihr, gemeinsam schauen sie nicht mehr verträumt in den elsässischen Himmel und genießen die Zeit zusammen. Plötzlich muss Mathilde dessen Grobheit, gar dessen Gewalttätigkeit, die ihr eine gebrochene Nase einbringt, die Einsamkeit auf dem Hof, ihre eigene Sprachlosigkeit in diesem allzu fernen Land und die Verachtung derjenigen ertragen, die die Verbindung mit dem christlichen Kolonialherren nicht gutheißen. Für Spott sorgt dabei bereits die Erscheinung dieses ungleichen Paares, denn Mathilde ist eine ,Riesin‘, die ihren Gatten um einen Kopf überragt. Der Leser kann sich gut ausmalen, was dies in der patriarchalischen Gesellschaft, in der ,Gott‘ und die mediterrane ,Ehre‘ (41) [(39)] in eins fallen, bedeutet… Die Lebenserfahrungen der Zitrone Mathilde, die in die Orange Marokko eingepfropft wird, bringen Mathilde in Aufruhr, schreiend wirft sie sich ihrem Ehemann entgegen, beschwert sich, hat genug von diesem Dasein voller Entbehrungen, das ihr keinerlei Anerkennung schenkt. Der Ehestreit ist deshalb in die Alltagsstruktur des Familienlebens eingebunden: „Foutu téléphone, foutue ferme, foutu pays!“ (106) [„Verdammtes Telefon, verdammte Farm, verdammtes Land!“ (108)], bricht es aus Mathilde hervor. Schließlich reist sie nach dem Tod ihres Vaters nach Frankreich zurück. Sie ist versucht, Ehemann und Kinder in Marokko für immer zurückzulassen. Sie träumt davon, ein neues Leben irgendwo in Paris, wo sie niemand kennt, anzufangen, fern von den Belastungen des landwirtschaftlichen Alltags, den Blicken der Araber, dem Gestank des Hausmädchens, der Verständnislosigkeit ihres Ehemannes, mit dem sie nur die Leidenschaft und deren lebendigen Früchte zu verbinden scheint. Und doch ist da mehr zwischen Amine und Mathilde, und doch spürt der Leser die tiefe Liebe trotz der äußeren Widerstände. Slimani erzählt diese Liebe absolut authentisch: Nachdem Mathilde das Nachbarsmädchen nach einem Sturz vom Dach gesundgepflegt hat, wird sie von den umgebenden Höfen als Heilerin gefeiert. Sie stellt sich ihrer neuen Aufgabe und bittet ihren Mann um Hilfe: „Amine haussa les sourcils et il se mit à rire. « La charité, dit-il, est un devoir de musulman. – C’est aussi un devoir de chrétien. – Alors nous sommes d’accord. Il n’y a rien à ajouter. »“ (183) [„Amine zog die Augenbrauche hoch und lachte. ,Barmherzigkeit ist eine muslimische Pflicht.‘ ,Es ist auch eine christliche Pflicht.‘ ,Dann sind wir uns ja einig. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.‘“ (187)] Das ungleiche Paar hält zusammen, auch als der befreundete ungarische Arzt Dragan sie darüber aufklärt, in welche verbrecherischen Unternehmen Amines Bruder Omar hineingeraten ist. Auch wenn die Versuchung groß ist, in Frankreich zu bleiben, zumal sie ihr Leben in Marokko ständig daran erinnert, nichts außer ihrer eigenen Vergänglichkeit in der Fremde zu besitzen, gibt sie ich nicht nach. Vielleicht erinnert sie sich an die Episode der Nächstenliebe, vielleicht ist es der Bericht ihrer vom Eheleben enttäuschten Französinnen, der sie dazu bringt, nach Marokko zurückzukehren. Dort schließt sie ihre Kinder in die Arme, die Tochter Aïcha und den Sohn Selim, die ihr dabei helfen, ihre Lasten zu schultern.

Aïcha, die äußerst begabte Schülerin, spürt die Häme ihrer Mitschülerinnen, die ihr entgegenschlägt, den Rassismus, dem sie hoffnungslos ausgeliefert ist. Ihre Mitschülerinnen, die Mathilde zu dem Geburtstag ihrer Tochter eingeladen hat, halten Amine für den Chauffeur der französischen Familie. Verzweifelt bittet Aïcha schließlich ihre Mutter, dass ihr Chauffeur den verhassten Besuch nach Hause bringen möge. Aïcha selbst führt das Leben eines Citrange! Amine wiederum, der ehemalige Soldat, Ehemann und Familienvater, ist ein fleißiger Arbeiter und gleichzeitig ebenfalls Gefangener seines eigenen Kulturkreises. Er ist wohl der ambivalenteste Charakter, einerseits äußerst modern, weil er eine Christin aus Frankreich geheiratet hat und seine Tochter in die französische Schule schickt, wo Aïcha zu einer tugendhaften Christin erzogen wird. Andererseits  ist er bei aller Offenheit gefangen in dem patriarchalischen Kulturkreis, in den er hineingeboren wurde: Die Ehre der Familie geht über alles, nach ihr richtet sich auch Amines Verhaltenskompass aus. So verheiratet er seine ,gefallene‘ Schwester, die sich auf einen Soldaten eingelassen hatte, mit seinem Vorarbeiter und Gefährten in der Armee. Ebenfalls die exzessive Gewalt gegenüber seiner Frau und die Bedrohung seiner Familie mit einer Pistole mag sich aus der Zugehörigkeit zu diesem Kosmos herleiten. Amine sitzt wie seine Frau zwischen zwei Stühlen. Vom Trank der Moderne berauscht, kann er nicht in die präkapitalistische Gesellschaft zurück, die doch noch in jeder Pore seines Körpers steckt. Auch er ist wie Mathilde, wie Aïcha ein ,Citrange‘, im pays des autres zuhause, was einmal sein eigenes Heimatland war. Dessen ist sich Amine bewusst. Er fragt sich nach dem Gespräch mit seiner Tochter, was dies für seine Familie und für ihn bedeutet: „Il ferma la porte délicatement et dans le couloir il songea que les fruits du citrange étaient immangeables.“ (358) [„Während er leise auf den Flur trat und die Tür schloss, dachte er, dass die Früchte des Zitrangenbaums ungenießbar waren.“ (370)] Amine traut sich, die Konsequenzen dieser ambivalenten Existenz in Marokko zu denken: „Il pensa qu’il en allait du monde des hommes comme de la botanique. À la fin, une espèce prenait le pas sur l’autre et un jour l’orange aurait raison du citron ou l’inverse et l’arbre redonnerait enfin des fruits comestibles.“ (358f.) [„Er überlegte, dass in der Welt der Menschen dasselbe galt wie in der Botanik. Am Ende würde eine Art dominieren, die Orange würde eines Tages die Zitrone verdrängen oder umgekehrt, und der Baum würde wieder essbare Früchte tragen.“ (371)] Slimani gelingt es in diesen wenigen Sätzen, die Zukunftsängste und -aussichten von Amine anschaulich machen: Wird die marokkanisch-französische Familie den Ast des Zitronenbaums abwerfen und vollständig marokkanisch werden können oder setzen sich die Zitronenfrüchte im Orangenbaum durch? Kann die Familie nur ,blühen‘, wenn sie sich von ihrem französischen oder marokkanischen Erbe loslöst? Eingedenk der nationalpolitischen Spannungen ergibt sich ein zweites Deutungsfeld: ,Blüht‘ der Familie selbst Krieg? Ist die Familie von den Nationalisten bedroht, zu denen Amines Bruder Omar gehört? In der Tat ist die ,Mischlingsfamilie‘ nicht nur den rassistischen Franzosen in Marokko, sondern auch der Unabhängigkeitsbewegung ein Dorn im Auge. So wird das Auto der Familie mitten in der Stadt, am helllichten Tag von den Aufrührern überfallen. Amine und Mathilde können schließlich das ,nationalistische Fieber‘, das sich in Marokko ausbreitet und buchstäblich das ganze Land ansteckt, nicht mehr ignorieren. Die Anschlags- und Attentatsserie erschüttert nicht nur das französische Viertel, sondern auch die marokkanischen Höfe fallen der Gewalt der Nationalisten zum Opfer. An vorderster Front steht Omar, Amines jüngerer Bruder. Es ist das Bild der brennenden Ville Neuve, das der Roman als letztes evoziert. Wird daraus ein Flächenbrand für die Familie? Davon wird wohl der zweite Band Auskunft geben.

Fest steht, dass bereits der Auftakt ein äußerst gelungenes und vielschichtiges Panorama eines Landes in Aufruhr bietet, in dem der gesellschaftliche Wandel vor allem nationalistische und emanzipatorische Kräfte hervorbringt. Die Verschränkung der politischen und der familiären Ebene sowie die Porträts der Familienmitglieder, die nicht idealisiert werden, machen definitiv Lust auf die Fortsetzung, die dieses Jahr bei Gallimard erschienen ist.

Leïla Slimani: Le pays des autres erschienen 2020 bei Gallimard. Die deutsche Übersetzung von Amelie Thoma erschien unter dem Titel Das Land der Anderen 2021 im Luchterhand Verlag. Eine Rezension des zweiten Teils der Familien-Saga finden Sie hier.

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