


Pilgern ist hip! Spätestens seit Hape Kerkelings autobiografischem Megaseller Ich bin dann mal weg (2006) gehört der Jakobsweg zu den Top-Sehnsuchtsorten alltagsgeplagter Wandervögel und Sinnsucher. Das Pilgern gehört schon lange nicht mehr nur zum Tätigkeitsprofil zweifelnder Christenmenschen, sondern hat sich in den letzten Jahren zum Instagram-tauglichen Massenphänomen für Hiking-Influencer jeglicher Couleur entwickelt. Auch das Kino hat den Jakobsweg längst für sich entdeckt – allein nach 2005 kam rund ein Dutzend Camino-Filme auf den Markt, die mal auf dramatische, mal auf komische Weise den mühsamen Gang nach Santiago de Compostela als selbstoptimierende Heldenreise in Szene setzen. In Frankreich erfreute sich insbesondere die typisch französische Komödie Saint-Jaques… La Mecque (2005, dt.: Saint Jacques… Pilgern auf Französisch) mit rund 750.000 Zuschauern großer Beliebtheit – typisch französisch meint in diesem Zusammenhang: liebevoll inszeniert, mit schrulligen Figuren und komplett vorhersehbar.

Wenn man sich allein den Trailer von Die Camino-Therapie. Finde deinen Weg anschaut, der Anfang des Monats in die deutschen Kinos gekommen ist, liegt der Verdacht nahe, dass es sich hier erneut um eine solch „typisch französische“ Komödie handelt: liebevol linszeniert, mit starken Charakteren und komplett vorhersehbar. Wer nach rund zwei Stunden den Kinosaal verlässt, wird sich wohl in diesem Verdacht komplett bestätigt fühlen, was Vor- und Nachteil zugleich ist. Erzählt wird die Geschichte eines ungleichen Paars: der Lehrerin Fred, die von ihrem Beruf vorübergehend suspendiert wurde, weil sie einer ihrer Schülerinnen im Affekt eine Ohrfeige verpasst hat, und des Jugendlichen Adam, dem nach zahlreichen Schulverweisen und allerlei kriminellen Delikten der Jugendknast droht. Beiden wird die Chance gegeben, sich wieder zu resozialisieren, wenn sie gemeinsam den Jakobsweg wandern. Ein solches Programm existiert in Frankreich tatsächlich – der Film basiert locker auf dem Buch Marche et invente ta vie des Journalisten Bernard Ollivier, der selbst die Association Seuil gegründet hat, die benachteiligten Jugendlichen einen radikalen Neuanfang durch eine mehrmonatige Fernwanderung ermöglicht. Zu Beginn werden beide Hauptfiguren in ihren jeweiligen Konfliktsituationen mit den Behörden eingeführt, bevor dann die Reise beginnt. Wir erfahren, dass nicht nur Freds berufliche Zukunft höchst prekär ist, sondern dass ihre Ehe kurz vor der Scheidung steht. Adam hingegen leidet nicht nur unter seinen schulischen Misserfolgen, sondern vor allem unter der fehlenden Liebe seiner Mutter. Viel Ballast also, den Fred und Adam nebenden obligatorischen Wanderrucksäcken mit auf die gemeinsame Reise nehmen.
Natürlich gibt es aufgrund der unterschiedlichen Temperamente der beiden Wanderer unterwegs immer wieder Probleme und allerlei Hindernisse, die es mal allein, mal im Team zu meistern gilt. Doch geraten diese zusehends in den Hintergrund, da der Film – wie viele andere Camino-Filme auch – sich zusehends zum touristischen Werbefilm entwickelt und seine Dramaturgie dadurch etwas aus dem Blick verliert. Die gezeigten Landschaften und pittoresken Orte sind dank der spektakulären Drohnenaufnahmen tatsächlich grandios anzuschauen, insbesondere auf der großen Leinwand. Man möchte sofort im nächsten Globetrotter-Laden eine neue Ausrüstung kaufen und losmarschieren: von Le Puy-en-Velay in der Auvergne durch das umwerfende Lot-Tal mit seinen beeindruckenden Brückenbauten, über die Pyrenäen bis nach Spanien. Auch sieht man den beiden Schauspielern sehr gerne beim Wandern, Streiten, Kümmern, Weinen und Lachen zu. Die Charakterdarstellerin Alexandra Lamy gibt mit Bravour die souveräne Lehrerin mit all ihren fragilen Seiten, der Nachwuchsstar Julien le Berre könnte als lange verschollener französischer Zwillingsbruder von Timothée Chalamet durchgehen und darf sich sicher aufkünftige Rollenangebote freuen. Alles ist schön an diesem Film, selbst die Kleidung der beiden, so dass man sich zuweilen fragt, wie viele T-Shirts eigentlich in einen Rucksack von eher bescheidener Größe passen – Harry Potterl ässt grüßen! Unterm Strich ist Die Camino-Therapie ein gut gemachtes Roadmovie zum Wohlfühlen mit Fernwehpotenzial, nicht mehr, aber auch nicht weniger – Freunde des gediegenen Autorenkinos dürften eher nicht auf ihre Kosten kommen.
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