Alles über meine Mutter

Édouard Louis’ Familienaufstellung geht in die nächste Runde

Veröffentlicht am
22.8.2021
Gregor Schuhen

Gregor Schuhen

Universität Koblenz-Landau
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Wer die Werke von Édouard Louis gelesen hat, hat bei der Lektüre jedes neuen Textes ganz unweigerlich das Gefühl, alten Bekannten wieder zu begegnen. Seit 2014 lässt uns Louis an seiner Lebensgeschichte teilhaben, die er – wie sein großes Vorbild Annie Ernaux – in seinen einzelnen autobiografischen Erzählungen nach und nach ausbreitet. Im Erstling En finir avec Eddy Bellegueule (dt.: Das Ende von Eddy) ging es um seine prekäre Kindheit und Jugend im pikardischen Dorf Hallencourt, um sein Coming Out und die Flucht aus dem homophoben Milieu seiner bildungsfernen Familie. Im Nachfolger Histoire de la violence (2016, dt.: Im Herzen der Gewalt) erzählt Louis von seinem neuen Leben in Paris, wo er eines Nachts von Reda, einem jungen Mann mit algerischen Wurzeln, vergewaltigt und ausgeraubt wird. Qui a tué mon père (2018,dt.: Wer hat meinen Vater umgebracht) ist weniger eine Erzählung als ein Essay und widmet sich der Leidensgeschichte seines Vaters, der nach einem Betriebsunfall in der Fabrik kaum noch arbeitsfähig ist und sich nun mit Gelegenheitsjobs mehr schlecht als recht über Wasser hält. Während der Vater in En finir avec Eddy Bellegueule noch als gewalttätiger Säufer dargestellt wurde, unternimmt Louis nun den Versuch, seinen Werdegang gesellschaftspolitisch zu rahmen und macht die französische Sozialpolitik der letzten zwanzig Jahren für das Schicksal seines Vaters verantwortlich.

In seinem neuesten Werk mit dem Titel Combats et métamorphoses d’une femme, das in Frankreich gleich auf den Bestsellerlisten landete und das in deutscher Übersetzung erst im November erscheinen wird, liefert Édouard Louis nun gewissermaßen das weibliche Gegenstück zu Qui a tué mon père, nämlich die Geschichte seiner Mutter. Wir kennen Monique Bellegueule schon aus den vorangegangenen Erzählungen und wissen, dass sie bereits aus erster Ehe zwei Kinder mitgebracht hatte, bevor sie von Louis’ Vater drei weitere Kinder bekam, von denen Eddy bzw. Édouard das erste war. Monique wurde uns im Erstling als kettenrauchende, dauerplappernde und im Rahmen ihrer Möglichkeiten durchaus resolute Frau vorgestellt, die unter ihrem oft alkoholisierten Ehemann und den prekären Lebensbedingungen zu leiden hatte. Es gibt vor allem zwei Szenen, die einem nach der Lektüre von En finir avec Eddy Bellegueule in Erinnerung geblieben sind: Zunächst die lapidare Schilderung einer Fehlgeburt, als die Mutter versucht, den toten Fötus mithilfe der Klospülung verschwinden zu lassen, und dann ihre ernsthafte Verwunderung angesichts der Tatsache, dass ihr Sohn in seinem ‚neuen‘ Leben ohne Fernsehgerät auskommen könne.

Vieles von dem, was wir über die Mutter bereits wussten, wird in Combats et métamorphoses d’une femme erneut aufgegriffen, so etwa die Fehlgeburt oder die Beleidigungen ihres Ehemanns, von dem sich Monique mittlerweile hat scheiden lassen. Stilistisch greift Louis sowohl auf den Erstling als auch auf das Vater-Buch zurück, was bedeutet, dass sich klassisch autobiographisch erzählte Passagen mit solchen abwechseln, die direkt an die Mutter adressiert sind – Qui a tué mon père war durchgängig in Anredeform an den Vater erzählt und erinnerte mithin an einen Theatermonolog oder einen Brief des Sohns an den Vater, Kafka lässt grüßen. Aber noch jemand anderes hat deutliche Spuren in beiden Teilen von Louis’ elterlichem Diptychon hinterlassen, nämlich Annie Ernaux, die Grande Dame der französischen Autobiografik. Ernaux selbst hatte bereits 1983 mit La place ihrem Vater ein literarisches Denkmal gesetzt und fünf Jahre später mit Une femme ihrer Mutter. Beide Texte wurden in den letzten Jahren vom Suhrkamp-Verlag in der vorzüglichen Übersetzung von Sonja Finck neu herausgegeben und haben offenbar auch nach über 30 Jahren nichts an gesellschaftlicher Aktualität und literarischer Kraft eingebüßt. So kam es, dass Annie Ernaux hierzulande mit fast achtzig ausgefüllten Lebensjahren zum Shooting-Star der französischen Literatur avancierte. Ganz ähnlich ergeht es gerade auch, wenngleich posthum,der Dänin Tove Ditlevsen, deren Kopenhagen-Trilogie aus den 1960er und 70erJahren derzeit neu entdeckt wird. Doch zurück zu Louis: Nicht nur die Tatsache, dass nun auch er zunächst den Vater und im Anschluss die Mutter zu den Hauptfiguren seiner Werke gemacht hat, lässt an Ernaux denken. Combats et métamorphoses d’une femme beginnt mit der Beschreibung einer Fotografie, die die Mutter als junge Frau zeigt, offenkundig ein Selfie aus längst vergangenen analogen Zeiten. Auch Ernaux betreibt die ‚Ethnologie ihrer selbst‘, wie sie ihre Arbeit als Schriftstellerin versteht, immer wieder mithilfe von Fotografien. In nahezu jedem ihrer Texte tauchen solche visuellen Erinnerungsstützen auf bzw. Beschreibungen davon. Anders als Proust, der der Fotografie als Medium der Erinnerung stets misstraute, sucht Ernaux nach den Geschichten und Gefühlen hinter den Bildern, Barthes würde vom punctum sprechen. Louis geht ganz analog vor, indem er das Jugendportrait der Mutter als Auftakt ihrer Lebensgeschichte auswählt und sich fragt, wie aus dieser einst lebensfrohen und glücklichen Frau, der zum Zeitpunkt der Aufnahme scheinbar noch alle Möglichkeiten offen standen, seine Mutter werden konnte, die sich jahre- und jahrzehntelang quälen musste bzw. gequält wurde:

„La vision du bonheur m’a fait ressentir l’injustice de sa destruction.“

Die Antworten sind so schmerzhaft wie naheliegend: das falsche Milieu, das falsche Geschlecht, die falschen Männer. Ihr Traum war es, eine berühmte Köchin zu werden, der jedoch von ihrer ersten, zu frühen Schwangerschaft zunichte gemacht wurde. Von diesem Zeitpunkt an verläuft ihr Leben wie das vieler junger Frauen aus sozial prekären Verhältnissen: Sie bekommt ein weiteres Kind, lebt mit einem Ehemann, den sie hasst, sie lässt sich scheiden und heiratet kurz darauf den nächsten Mann, weitere Kinder, Leben als Hausfrau und Mutter. Wie schon in En finir avec Eddy Bellegueule macht Louis deutlich, dass der Lebenslauf seiner Mutter exemplarisch zu lesen ist, ja, dass man ihn als repräsentativ für den Leidensweg vieler Frauen im Angesicht unsolidarischer Sozialpolitik und männlicher Gewalt verstehen muss. In Anlehnung an Ernaux’ Texte kann man daher Combats et métamorphoses d’une femme als Soziobiografie interpretieren.

Auch wenn sich tatsächlich einiges von dem wiederholt, was uns Louis schon in den Vorgängertexten erzählt hat, fügt er seinem jüngsten Werk doch auch Neues hinzu. Dazu gehören die wunderbar traurige Angélique-Episode, die seine Mutter noch in Hallencourt erlebt, sowie natürlich ihre Flucht aus dem alten Leben nach Paris, wo Monique Bellegueule heute mit ihrem dritten Mann lebt. Angélique hatten seine Eltern auf dem Jahrmarkt in Hallencourt kennengelernt. Sie stand dort allein und in Tränen aufgelöst, nachdem ihr Freund sie verlassen hatte. Monique und ihr Mann nehmen die Unglückliche mit nach Hause, um sie zu trösten, was den Beginn einer kurzzeitigen Freundschaft besiegelt. Louis spricht von einem „miracle social“, da Angélique, die in verantwortungsvoller Position bei den regionalen Elektrizitätswerken arbeitet, einer ‚ganz anderen Kaste‘ angehöre. Monique blüht dank dieser Freundschaft unter Ungleichen förmlich auf, geht mit Angélique shoppen, fährt mit ihr ans Meer und legt plötzlich mehr Wert auf ihr Äußeres. Die Freundschaft findet jedoch ihr abruptes Ende, als Angélique einen neuen Mann kennenlernt und aus dem Leben der Bellegueules so plötzlich verschwindet wie sie einst aufgetaucht war:„Laisse-moi tranquille, Monique.“ Louis spricht etwas thesenhaft von den „lois habituelles de la sociologie“, die einen langfristigen Austausch zwischen den sozialen Klassen verunmöglichen. So beginnt diese ernüchternde Episode mit einer verlassenen Liebhaberin und endet mit einer verlassenen Freundin.

Bis hierher erzählt Louis den Lebensweg seiner Mutter Monique als Leidensweg, als Abfolge von Kämpfen, den titelgebenden „combats“. Die eigentliche Metamorphose findet schließlich am Ende des Buches statt, als die bereits getrennt lebende Monique auf einer Geburtstagsfeier den Bruder einer Freundin kennenlernt, der als Hausmeister in Paris arbeitet. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die für Monique ein Jahr später den Umzug nach Saint-Germain-des-Prés bedeutet, in das Epizentrum der Pariser Eliten, den Kiez von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre… und den von Catherine Deneuve, die am Ende von Combats et métamorphoses d’une femme tatsächlich noch einen überraschenden Gastauftritt hinlegt und mit Monique eine Zigarette raucht. Diese anrührende Szene verleiht den Metamorphosen von Monique Bellegueule am Ende etwas geradezu Märchenhaftes. Es mag die Ironie der Geschichte sein, dass Monique dieses vorläufige Happy End letztlich durch zwei Männer ermöglicht wurde: durch ihren neuen Partner und durch den eigenen Sohn. Ironisch deshalb, weil Louis über weite Strecken der Erzählung hinweg nicht müde wird, die destruktiven Folgen männlicher Gewalt anzuprangern, die aus seiner Mutter ein geschundenes Opfer gemacht haben. Die Auflösung dieser scheinbaren Ambivalenz von Männlichkeit liefert Louis nur indirekt, indem er gewalttätige und liebevolle Männlichkeit in unterschiedlichen sozialen Milieus verortet: Die saufenden Schläger von Hallencourt und die fürsorglichen Gentlemen von Saint-Germain-des-Prés. Man kann diese Schwarzweiß-Zeichnung durchaus problematisch finden oder in ihr die Initiative des Klassenflüchtlings sehen, sich schreibend von seinem Herkunftsmilieu immer mehr zu befreien. Solche Vorwürfe wurden Louis bereits nach Erscheinen seines Erstlings gemacht – damals beklagte auch seine Mutter den abschätzigen Ton des Lebensberichts vor allem den Dorfbewohnern gegenüber, zu denen sie ja selbst gehörte. Combats et métamorphoses d’une femme darf daher – wie im Übrigen auch Qui a tué mon père – als der Versuch des verlorenen Sohnes verstanden werden, Abbitte zu leisten. Das elterliche Diptychon, das nun vollendet ist, stimmt daher auch insgesamt deutlich versöhnlichere Töne an als En finir avec Eddy Bellegueule. Die Attitüde des Angry Young Man hat sich zugunsten soziologischer Reflexionen und familiärer Wieder-Annäherung abgeschwächt – aus moralischer und lebensgeschichtlicher Sicht ist diese Metamorphose sicherlich zu begrüßen. Vom literarischen Standpunkt aus betrachtet hat die Wucht des Erzählens jedoch deutlich nachgelassen, was man durchaus bedauernswert finden kann. Vielleicht passt aber auch diese Wut, die den Erstling prägte, nicht mehr zu den Altbauwohnungen von Saint-Germain-des-Prés – auch das ist eine Form der Metamorphose, die allerdings eher den Stil betrifft – Stil durchaus im doppelten Sinne von Erzähl- und Lebensstil.

Édouard Louis: Combats et métamorphoses d'une femme, Paris: Seuil 2021, 116 S.

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