Schuld und Schweigen

Camille Kouchner seziert die "Familia grande“

Veröffentlicht am
22.8.2021
Walburga Hülk

Walburga Hülk

Universität Siegen
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Die großen Empörungsbewegungen und -debatten der letzten Jahre begannen meistens in angloamerikanischen Ländern und erreichten bald auch Deutschland und Frankreich – #metoo, Black Lives Matter, Cancel Culture u. a. Aktivisten und Aktivistinnen aller Länder waren in derselben Sache vereint: Macht- und Herrschaftsverhältnisse anzuprangern und Entschädigung für erlittenes Unrecht zu fordern. Die tausendfachen Missbrauchsfälle, die in den USA und Deutschland vor allem die katholische Kirche erschüttert haben, führten hingegen in Frankreich auch in ein Milieu, das in der Regel auf Seiten von Widerstandsbewegungen gegen Rassismus, Sexismus, Ausbeutung, Aneignung und Versklavung steht: die linke intellektuelle Elite. 2021 schien im Zusammenhang mit Missbrauch an Minderjährigen eine Lawine losgetreten: die Affäre Gabriel Matzneff und Vanessa Springoras Buch Le Consentement (dt.: Die Einwilligung), (nicht abgesicherte) Pädophilie-Vorwürfe gegen Michel Foucault, die wieder in Erinnerung gerufene Plattform zur Legitimierung von Inzest und Sex mit Minderjährigen aus dem Jahr 1977, unterzeichnet von herausragenden Vertretern des französischen Geistes, darunter Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Louis Aragon, Roland Barthes, Gilles Deleuze und André Glucksmann. Und vor allem Camille Kouchners Memoir über die „familia grande“ und den jahrelangen, bis zur Veröffentlichung des Buches kaschierten Missbrauch an ihrem Zwillingsbruder durch den Stiefvater, nach französischem Recht Inzest. Das Buch löste den #MeTooInceste und Schockwellen in höchsten Pariser Kreisen aus.

Camille Kouchners Autofiktion La Familia grande, deren spanischer Titel sich erst im Verlauf der Geschichte aus der familiären Nähe zu südamerikanischen Revolutionsbewegungen erklärt, ist, wie Le Monde schrieb, „die Autopsie einer Familie“. Die Autorin, heute 46 Jahre alt und promovierte Juristin, ist „Erbin“ (im Sinne Pierre Bourdieus) einer „bonne famille“ der linken Pariser Elite, Absolventin der exklusivsten Pariser Schulen: Der Vater, Bernard Kouchner, Mitbegründer der Hilfsorganisation Médecins sans frontières, Minister verschiedener französischer Regierungen; die Mutter, Évelyne Pisier, als Tochter des ehemaligen Kolonialgouverneurs in Hanoi geboren, erklärte Feministin, Geliebte Fidel Castros, eine der ersten französischen Professorinnen für Öffentliches Recht; die Tante, Marie-France Pisier, Vedette der frühen Nouvelle Vague, 2011 tot in ihrem Swimmingpool aufgefunden; der Stiefvater, Olivier Duhamel, Star-Politologe der Elitehochschule Sciences Po und Präsidentenberater. Camille Kouchners Herkunft aus der großbürgerlichen Linken, manchmal spöttisch und wenig freundlich „gauche caviar“ genannt, bringt es mit sich, dass die Autorin von anderen Erfahrungen erzählt als die Memoirs linker „Klassenflüchtlinge“ (Didier Eribon, Édouard Louis, Aurélie Filipetti), die ihre Erfahrungen mit Gewalt und Scham in Arbeitermilieus der 'abgehängten' Provinz thematisieren. Auch Kouchner jedoch legt ein Zeugnis von Gewalt und Scham ab, von Schuld und Schweigen in einem privilegierten Milieu. Von Übergriffen, sexueller Unterjochung und der Bedrohlichkeit eines geschickt lancierten Schweigegebots aus dem Munde der Nächsten, deren Tatorte feine, ja legendäre Adressen in Saint-Germain-des-Prés und Sanary-sur-Mer sind. Tolstoi hatte Recht: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“

„Meine Mutter starb am 9. Februar 2017.“ Das ist der erste Satz des Buches, ein geradezu klassischer Anfang für einen Roman oder eine Autofiktion. Denn mit dem Tod der Eltern löst sich die Vergangenheit von der Gegenwart und Zukunft ab, setzt eine Geschichte neu an und häufig eine biographische Reflexion ein. Die Krankenakte vermerkt, die Mutter sei im Beisein ihrer Angehörigen verstorben. Was falsch ist. Denn tatsächlich war (auch) sie in ihren letzten Stunden allein, die Kinder, zu diesem traurigen Ereignis „wiedervereinigt wie eine Rockband“, kommen zu spät. Beerdigung in Sanary, auf der langen Fahrt durch das Esterel-Gebirge beginnt Camille sich zu erinnern, Abschied von der Mutter, vom Ferienort, vom Ferienhaus, vom früheren Ich. „Dieses Mal werde ich meine Mutter nicht verlieren“. Eine klassische, vielleicht stereotype Begründung für das Schreiben. Aber sie ist gerechtfertigt: Denn Mutter und Tochter waren einander grundverloren, so wie auch der Vater seinen Kindern abhandenkam, mit neuer Familie und  schnellem und freiem Leben zwischen Aktivismus und „Bücklingen“, „von der Armut in Afrika nach Saint-German-des-Prés“, als „Held der südlichen Meere“, bald zur „beliebtesten Persönlichkeit Frankreichs“ gewählt. Was nach frühem Verlust zunächst ein Sommer- und Ferienparadies ist – die Ferienvilla des Stiefvaters Duhamel, der allen das Leben verschönert,Thymianduft des Südens, die Zimmer der Kinder mit Plakaten vom Mai 68 tapeziert –, wird für die heranwachsenden Zwillinge zum Schreckensraum. Das freigeistige und hedonistische Leben der „großen Familie“, zu der Adoptivkinder, „natürlich“ aus Chile, hinzukommen sowie zahlreiche, oft prominente Freunde, unendlicher Spaß und Reden ohne Ende, Freiheit und Lustgewinn zuerst sowie lustige und geistreiche Rituale – die Besetzung eines „Ministeriums“ zum Leeren der Aschenbecher oder jenes, bei dem die Kinder allabendlich vor dem Schlafengehen als „sans-culottes“ zum „Pipi im Grünen“ gerufen werden –, all das wird für Camille einige Jahre später verdrängt von einem beklemmenden Wissen: Mit 13 Jahren hört sie erstmals, dass sich die Tür zum Zimmer ihres Zwillingsbruders leise öffnet. Sie weiß, wer „Victor“ regelmäßig besucht. Ihr weiteres Leben wird ganz von diesem Geschehen bestimmt und das Schweigen zum „Gefängnis“.

Wo sind die Eltern? Die Kinder sind allein, die Hilferufe, „Führe mich“, verhallen ungehört: Wer sei sie denn, so die Mutter, sich anmaßen zu können, was auch immer weiterzugeben? Also das zu tun, was sich andernorts Erziehung nennt? In dieser Welt, in der „alles eine Frage des Vokabulars“ ist, gibt es keine Antworten auf die entscheidenden Fragen – zum Selbstmord der Großeltern und zum Missbrauch. Die Mutter trinkt. Argwöhnt in Camilles Nachfragen einen Angriff auf ihr Lebensglück und Verrat, befürchtet tödliche Scham: „Wenn du redest, sterbe ich“. Wirkungsvoller kann wohl niemand zum Schweigen gebracht werden, kann niemand Zwietracht säen. Was ist der Wert der Freiheit und eines demonstrativ humanitären Aktivismus, wenn Egoismus die Nöte der eigenen Kinder erstickt und Kosmopolitismus weiterhin zuvörderst elitäres Bewusstsein und Exklusivität reproduziert? Auch diese Widersprüche legt die Autopsie der „familia grande“ nahe.

Camille Kouchner empört sich nicht. Vielmehr recherchiert sie in den Tiefen ihres Gedächtnisses, stellt minutiöse Betrachtungen an, horcht Worten nach und spürt abgelagerte Wahrnehmungen, Ambivalenzen und Indizien auf. Ihr Stil ist nüchtern, schnörkellos, zuweilen elliptisch und stets atmosphärisch dicht, eine Milieustudie der „Blase“, in der die große Familie lebt, und eine Schilderung der erst fröhlichen und dann verdüsterten Familiensitten und -mythen. Aus der Strenge und der erarbeiteten Distanz resultiert die verstörende Wucht dieses Buches. Denn es erschüttert nicht nur der Fall als solcher, der in Pariser Kreisen u. a. durch Äußerungen Marie-France Pisiers und Bernard Kouchners lange bekannt war, ohne dass jemand Klage eingereicht hätte. Sondern es erschüttert auch die dreißig Jahre lang lastende Bürde der Autorin, die als Jugendliche intuitiv moralische Urteilskraft bewies, die Schuldgefühle des missbrauchten Bruders auf sich nahm und angesichts des Schweigegebots mit ihrer Familie und sich selbst ins Gericht ging. Erst nachdem Tod der lebenshungrigen „kleinen Mutter“ schreibt die Tochter das Buch La familia grande, mit dem Einverständnis des Zwillingsbruders, der es nicht hätte schreiben können und wollen. Das vorangestellte und später noch einmal aufgenommene Motto ist Victor Hugos Gedichtsammlung Les Contemplations/Die Betrachtungen entlehnt, die er im Exil schrieb. Die Verse hörte Camille in der Kindheit von ihrem Vater, sie sind eingebettet in Hugos Lamenti über den frühen Tod seiner Tochter Léopoldine: „Und mein Herz ist gefügig, aber nicht resigniert.“  

Olivier Duhamel legte nach Erscheinen des Buches sämtliche Ämter nieder und war geständig, noch bevor die Pariser Kulturszene den Skandal begierig aufgriff. Zuletzt trat auch der Präsident von Sciences Po zurück, der Duhamel weiterhin geschützt hatte, obwohl er 2019 von der damaligen Kulturministerin Aurélie Filipetti über den Fall unterrichtet worden war. Der Missbrauch des Stiefsohns ist, wie zuletzt gerichtlich bestätigt, verjährt. Der Fall Duhamel und Kouchners Buch erregten auch in Deutschland Aufsehen, ohne dass bislang die literarische Qualität des Memoirs hinreichend gewürdigt worden wäre. Für die geglückte Übersetzung hat der Münchner Blessing Verlag (in dem auch Springoras Buch erschienen ist) erfreulicherweise das schlichte Cover des Verlags Seuil übernommen. Ein ebenso diskretes wie unheimliches Detail freilich ist hinzugefügt: die stark abstrahierte, fast zum Schriftzeichen stilisierte Tür. Sie ist einen Spalt weit geöffnet, dahinter Dunkelheit.

Camille Kouchner: La familia grande, Paris: Seuil 2021, 203 S. (dt.: Die große Familie. Aus dem Französischen von Hanna van Laack, München: Blessing 2021, 193 S.)

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