Veni, vidi, … morior! – Mathias Énards "Le banquet annuel de la confrérie des fossoyeurs" (2020)

Der Goncourtpreisträger und Adept der fernöstlichen Metaphysik entwirft ein funkensprühendes Panorama ruralen Lebens

Veröffentlicht am
6.11.2021
Lars Henk

Lars Henk

Universität Koblenz-Landau
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Es gibt in der Welt der bedruckten Seiten ganz besondere Bücher, die nur dafür geschrieben worden zu sein scheinen, eine gewichtige Frage zu stellen. Das gilt beispielsweise für Joanne K. Rowlings Harry Potter-Heptalogie, die über mehrere Tausend Seiten hinweg auf den fulminanten Dialog zwischen dem längst verstorbenen Schulleiter Albus Dumbledore und Harry in dem weiß getünchten Bahnhof King’s Cross zusteuert, wenn der junge Mister Potter fragt, ob ihr Treffen wirklich sei oder es sich nur in seinem Kopf abspiele. Ebenso verhält es sich mit Mathias Énards stets an Faszinationskraft dazu gewinnendem Roman Le banquet annuel de la confrérie des fossoyeurs (2020). Darin vermittelt der bereits mit dem Goncourt ausgezeichnete Autor einen originellen Blickwinkel auf das rurale Leben im Département Deux-Sèvres, in dem er selbst aufgewachsen ist. Perspektivisch getragen wird dieser insbesondere von dem ethnologischen Tagebuch des jungen Anthropologen David Mazon, das den Rahmen des sieben Kapital umfassenden Romans bildet. Nach Vorbild seines wissenschaftlichen Helden Malinowski gibt Mazon Auskunft über sein Alltags- und Forschungsleben in dem Dorf La Pierre-Saint-Christophe. Als Stipendiat hat er Paris mit dem Ziel verlassen, eine ethnologische Dissertation über das rurale Milieu zu verfassen. Mit den Gepflogenheiten der Dorfgemeinschaft von La Pierre-Saint-Christophe, das heißt allen voran den Sitten des abendlichen Alkoholkonsums im Dorftreffpunkt des Anglercafés, vertraut gemacht, die Wurmplage in seiner Wohnung halbwegs in den Griff bekommen, erste Freunde gefunden, nähert er sich wider Erwarten der Biolandwirtin und Klimaaktivistin Lucie an. Fortan steht nicht länger die Überprüfung einer sorgsam herausgeschälten Hypothese auf dem Programm des Agrarethnologen, sondern die Agrarpraxis. Mazon, auf den Spuren von Malinowksi und Claude-Lévi Strauss wandelnd, findet bei den Wilden schließlich ein Zuhause. Zu seinen Freunden zählen der Defäkationskünstler Max und der das Amt des Bürgermeisters und den Beruf des Cheftotengräbers auf sich vereinende Martial Povreau. Ihm kommt dieses Jahr die Ehre zu, das titelgebende Jahresbankett der vereinigten französischen Totengräber zu organisieren. Von ihrer alltäglichen Arbeit, gewissermaßen vom Tod höchstpersönlich, erhalten sie für ein Wochenende eine Verschnaufpause, um dem Leben zu frönen – „Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot“, wie es schon im Alten Testament heißt.

Anlässlich dieses neuerlichen Treffens wird endlich die entscheidende Frage in einem Satzkonglomerat geboren, die Énard auf fast 300 bedruckten Seiten vorbereitet hat. In einem homosozialen Rezitationswettkampf zwischen dem Totengräber Poiraudeau und seinem stoischen Grablegerkollegen Grosmollard wird über Gevetterin Tod sinniert und schließlich die wirklich wichtige Frage gestellt: „Ne peut-on pas croire à l’indestructibilité de l’être ?“ (S. 255, dt.: „Kann man nicht einfach an die Unzerstörbarkeit des Seins glauben?“ (S. 278)) Die Hoffnung auf diese Unzerstörbarkeit findet der Redner aus der Vendée als Christ allein im Kreuz von Golgatha. In seinem Antwortschwall bemüht Grosmollard Lukrez und Schopenhauer, um eine Gegenposition zu vertreten, während die versammelte Totenpflegergemeinschaft mehr oder minder aufmerksamkeitslos lieber den kulinarischen Höhepunkten frönt. Dass der Erzähler diese Credoergüsse anlässlich einer karnevalesken, Rabelais ein Denkmal setzenden Festveranstaltung für wenig überzeugend hält, illustriert seine lakonische Bemerkung, nachdem die Käseplatten aufgetragen worden sind: „(…) et ces fromages valaient tous les discours“ (S. 272, dt.: „und diese Käse taugten mehr als sämtliche Reden“ (S. 296)). Käse anstelle von rationalen Geistesblitzen, Essensexzess anstatt schwer verdaulicher Philosophie. Dieser Énard hat nicht nur Gargantua und Pantagruel verschlungen, er hat auch einen sezierenden Humor!

Wenn Énard nun 2500 Jahre vorwiegend europäische Metaphysikgeschichte humorvoll zu Grabe trägt, dann ist die argumentative Durchdringung der Endlichkeit des Menschen jedoch nicht ersatzlos gestrichen. Der bereits mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete Autor vertritt in seinem neuen Roman eine in den okzidentalen Breiten, die durch Christentum und Naturalismus erobert worden sind, kaum verbreitete Metaphysik: Énard orientiert sich im weitesten Sinne an der fernöstlichen Religion des Buddhismus. Es ist das Konzept der Seelenwanderung, das es ihm als Narrationsmatrix erlaubt, eine faszinierende, anrüchige, brutale, lustige und bisweilen langatmige Geschichte über seine Heimat im Deux-Sèvres zu erzählen, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Im Verlauf werden die Seelenschicksale hochrangiger französischer Protestantenmilitärs, politischer Würdenträger, Priester, einfacher Bauern, bestialischer Verbrecher, balzender Wildschweine, winziger Schädlinge und Dienstleister beschrieben sowie unterhaltsam miteinander verbunden – wer hätte gedacht, dass die unter der Enthaltsamkeit leidende Priesterseele sich in einem Orgasmus jagenden Eber niederlässt, der schließlich auf dem Teller des Wirts landen wird? Die Lehre von der Reinkarnation, so steht unweigerlich fest, wird auf bereichernde Weise eingesetzt, um etwas von der Faszination, die in jedem Satz, den Énard über den Deux-Sèvres, die kleinen Dörfer und die Bewohner schreibt, mitschwingt, an den Leser weiterzugeben. In diesem Seelenmosaik nimmt der leicht dümmliche Arnaud eine Sonderstellung ein, der nicht in der Lage ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, aber in seinen Träumen die Seelenwanderungen seiner Mitmenschen nachvollzieht. Es ist das ungetrübte Auge dieser Figur, das die metaphysische Anschlussfrage nach Sein und Schein gekonnt verdichtet.

Mathias Énard legt eine originelle und lesenswerte Beschreibung seiner Heimatregion vor. Dem Leser vermittelt er einen abwechslungsreichen Einblick in die romanesk inszenierte Kollektivseele des kleinen Fleckchens nahe der Atlantikküste. Dies ist nicht zuletzt den zwischengeschalteten „Chansons“ zu verdanken. Die alten französischen Volks- oder Kinderlieder arrangiert er in Gestalt kurzer Erzählungen neu. Énard gelingt eine metaphysisch aufgeladene Hommage an die alten Bräuche, die kulturellen Wurzeln, an die vergessenen Generationen des Deux-Sèvres. Zu den Stärken seines Schreibens zählt, dass der vom Landleben faszinierte Blickwinkel des Autors nie ins Nostalgische abrutscht. Sein Erzählen bleibt mehrdimensional und öffnet sich auch den gewaltvollen Schattenseiten des Lebens. Nichtsdestotrotz liefert der Autor vor allem eine Hommage an das Lebendige, das für Énard Funken sprühend schließlich vergeht und dessen Seele je nach dem Sittlichkeitsgrad vom Lebensrad ewig und immer neu in das Spiel von Freud und Leid, das wir das Leben nennen, zurückgeworfen wird.

Matthias Énard: Le banquet annuel de la conffrérie des fossoyeurs, Paris: 2020. Aus dem Französischen von Holger Fock & Sabine Müller 2021 erschienen beim Hanser Verlag unter dem Titel Das Jahresbankett der Totengräber.

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